| |
RASENDER ABSTURZ...
"Ich reise, aber ich bewege mich nicht"
ELECTRONIC CITY
Eine kleine Utopie: Flughäfen, Flughafenlounges, Abfahrtspläne,
Aktienkurse, Codes ohne Ende - und überall die immergleichen
globalisierten Menschen - der Globus vollkommen globalisiert
- die Welt ein steriles globales Meer aus Zahlen.
Eine bekannte Situation: man steht vor dem Geldautomaten, will
Geld abheben, doch plötzlich hat man den PIN-Code vergessen,
gelöscht, Systemfehler, totaler Blackout - dumm gelaufen,
Menschen warten, werden ungeduldig. Der Druck wächst -
die Schlange auch.
Eine nicht weniger bekannte Situation: man steht im Supermarkt
an der Kasse, möchte vielleicht nur schnell noch ein paar
Kleinigkeiten einkaufen, doch der Scanner der Verkäuferin
funktioniert nicht, dumm gelaufen, man weiß zwar genau,
wie viel das kostet, doch das nützt der freundlichen Dame
wenig, denn die benötigt die Artikelnummer und die Schlange
mit ärgerlichen Kunden wird länger.
Und damit sind wir schon mitten drin in ELECTRONIC
CITY , das Vorarlberger Landestheater zeigt die österreichische
Erstaufführung ab 05. März 2005: Autor Falk Richter
hat solche und ähnliche Situationen zum Anlass genommen,
ein Liebespaar einer (noch) utopischen elektronischen globalisierten
Welt auszusetzen. Die Zukunft als Labor. Der Zuschauer darf
dem Experiment aus sicherer Distanz beiwohnen und sich entspannt
zurücklehnen. Die elektronische Stadt als ferne Utopie.
Doch wie weit ist das Science-Fiction-Szenario wirklich noch
entfernt?
ELECTRONIC CITY ist eine kleine Liebesgeschichte
oder vielmehr das, was von einer Liebesgeschichte im Zeitalter
des globalisierten Alltags übrigbleibt: Tom ist Manager
und für seine Firma weltweit unterwegs, Joy ist Springerin,
sogenannte "Standbykraft" einer weltweiten Supermarktkette
und kommt auf internationalen Flughäfen zum Einsatz, beide
arbeiten Tag für Tag in den unterschiedlichsten Städten:
Los Angeles, New York, Berlin, London, Rom, Tokio, Seattle,
wo auch immer, das spielt auch keine Rolle mehr, überall
die gleichen Geschäfte, die gleichen Hotels, alles wird
austauschbar.
Das Problem dieses Liebespaares ist, dass sie es kaum jemals
schaffen, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein, ihr spezielles
Problem in dieser Nacht, dass Tom den Zahlencode der "KeyCard"
für sein globales Hotel vergessen hat, der globale Absturz
- sein Absturz - droht, und dass das Infrarotlesegerät
an Joys Kasse der immer gleichen Supermarktkette defekt ist
und die Schlange mit globalen Managern, die hektisch auf sie
einschreien, weil sie noch schnell ihre globalen Sushipakete
und globalen Männermagazine kaufen wollen, bevor ihr Anschlussflug
sie an immer gleiche globale Flughäfen bringt, bedrohlich
zu wachsen beginnt.
Wie eine Spirale dreht sich die schnelle Welt um die beiden,
immer passiver werden sie, während sie rundherum von rasenden
Bildern gleicher Städte, gleicher Hotelketten, gleicher
Fitnesscenter, gleicher Supermarktketten und einem Meer aus
Zahlen überlagert werden. Die Schlagworte heißen
Codierung und Globalisierung, die die Protagonisten jegliche
Vorstellung von Raum und Zeit verlieren und in einer Blase gefüllt
mit Orientierungslosigkeit herumirren lassen.
Der 1969 in Hamburg geborene Autor, Regisseur und Übersetzer
Falk Richter beschäftigt sich in seinen Stücken mit
Neoliberalismus, Globalisierung und Machtgefügen. So ist
ELECTRONIC CITY der erste Teil einer
Tetralogie mit dem Titel "Das System".
Zudem arbeitet Richter aber auch spartenübergreifend mit
verschiedenen Medien. Bei ELECTRONIC CITY
beispielsweise spielt er formal gesehen mit Mitteln des Films.
Das Stück ist in viele Sequenzen unterteilt, die sehr filmisch
durch harte Schnitte unterbrochen werden. Oftmals versucht man
seinen Stücken mit Projektionen nahe zu kommen, doch in
der österreichischen Erstaufführung verzichtet man
darauf und versucht die manchmal harten Brüche mit anderen
Mitteln umzusetzen, in diesem Fall hat sich Regisseur Rüdiger
Pape für die Musik entschieden. Stefan Tielsch wird das
Stück mit einem live gemixten atmosphärischen elektronischen
"Soundteppich" versehen.
Auch inhaltlich spiegelt sich Richters Spiel mit verschiedenen
Ebenen und Metaebenen wieder, denn plötzlich erfährt
der Zuschauer, dass zur selben Zeit ein Film über Joys
Leben gedreht wird: "Joys world - a world of joy"
- Doch wer spielt gerade? Ist das Joy, oder die Schauspielerin,
die Joy spielt? Was ist echt, was ist fake? Ist die Filmcrew
real, medial, global oder katastrophal?
Das Leben als Dokusoap: Tom und Joy, ein modernes Liebespaar,
eingebettet in eine rasende Welt aus Zahlen und Hektik. Doch
es gelingt ihnen trotzdem, auszubrechen, für einen kurzen
Moment, eine Zeitblase inmitten einer globalisierten Welt zu
erschaffen - "Rasender Stillstand" wie Paul Virilio
einen Essay betitelte, lautet die Devise. Die Zeit kurz anhalten,
um sich an den Beginn ihrer Liebesgeschichte zu erinnern - mit
sehr realen Gefühlen übrigens - ein Hoffnungsschimmer
in einer utopischen elektronischen Welt, die so fern vielleicht
gar nicht mehr ist.
| |
Schreiben
Sie uns doch
Ihre
Meinung
zum Stück !
mehr Info > |