Österreichische Erstaufführung

ELECTRONIC CITY
von Falk Richter

Premiere: 5. März 2005, 20 Uhr
Theater am Kornmarkt

Weitere Aufführungen:
10., 27. und 30. (FreiNACHT) März
sowie 1. und 2. April, jeweils 20.00 Uhr


abgespielt
  Fliri, Röseberg, Rischar, Schramm, Schäfer, Wingrich    05574 - 42870   .   Email
 

RASENDER ABSTURZ...

"Ich reise, aber ich bewege mich nicht"
ELECTRONIC CITY

Eine kleine Utopie: Flughäfen, Flughafenlounges, Abfahrtspläne, Aktienkurse, Codes ohne Ende - und überall die immergleichen globalisierten Menschen - der Globus vollkommen globalisiert - die Welt ein steriles globales Meer aus Zahlen.

Eine bekannte Situation: man steht vor dem Geldautomaten, will Geld abheben, doch plötzlich hat man den PIN-Code vergessen, gelöscht, Systemfehler, totaler Blackout - dumm gelaufen, Menschen warten, werden ungeduldig. Der Druck wächst - die Schlange auch.

Eine nicht weniger bekannte Situation: man steht im Supermarkt an der Kasse, möchte vielleicht nur schnell noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen, doch der Scanner der Verkäuferin funktioniert nicht, dumm gelaufen, man weiß zwar genau, wie viel das kostet, doch das nützt der freundlichen Dame wenig, denn die benötigt die Artikelnummer und die Schlange mit ärgerlichen Kunden wird länger.

Und damit sind wir schon mitten drin in ELECTRONIC CITY , das Vorarlberger Landestheater zeigt die österreichische Erstaufführung ab 05. März 2005: Autor Falk Richter hat solche und ähnliche Situationen zum Anlass genommen, ein Liebespaar einer (noch) utopischen elektronischen globalisierten Welt auszusetzen. Die Zukunft als Labor. Der Zuschauer darf dem Experiment aus sicherer Distanz beiwohnen und sich entspannt zurücklehnen. Die elektronische Stadt als ferne Utopie. Doch wie weit ist das Science-Fiction-Szenario wirklich noch entfernt?

ELECTRONIC CITY ist eine kleine Liebesgeschichte oder vielmehr das, was von einer Liebesgeschichte im Zeitalter des globalisierten Alltags übrigbleibt: Tom ist Manager und für seine Firma weltweit unterwegs, Joy ist Springerin, sogenannte "Standbykraft" einer weltweiten Supermarktkette und kommt auf internationalen Flughäfen zum Einsatz, beide arbeiten Tag für Tag in den unterschiedlichsten Städten: Los Angeles, New York, Berlin, London, Rom, Tokio, Seattle, wo auch immer, das spielt auch keine Rolle mehr, überall die gleichen Geschäfte, die gleichen Hotels, alles wird austauschbar.

Das Problem dieses Liebespaares ist, dass sie es kaum jemals schaffen, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein, ihr spezielles Problem in dieser Nacht, dass Tom den Zahlencode der "KeyCard" für sein globales Hotel vergessen hat, der globale Absturz - sein Absturz - droht, und dass das Infrarotlesegerät an Joys Kasse der immer gleichen Supermarktkette defekt ist und die Schlange mit globalen Managern, die hektisch auf sie einschreien, weil sie noch schnell ihre globalen Sushipakete und globalen Männermagazine kaufen wollen, bevor ihr Anschlussflug sie an immer gleiche globale Flughäfen bringt, bedrohlich zu wachsen beginnt.

Wie eine Spirale dreht sich die schnelle Welt um die beiden, immer passiver werden sie, während sie rundherum von rasenden Bildern gleicher Städte, gleicher Hotelketten, gleicher Fitnesscenter, gleicher Supermarktketten und einem Meer aus Zahlen überlagert werden. Die Schlagworte heißen Codierung und Globalisierung, die die Protagonisten jegliche Vorstellung von Raum und Zeit verlieren und in einer Blase gefüllt mit Orientierungslosigkeit herumirren lassen.

Der 1969 in Hamburg geborene Autor, Regisseur und Übersetzer Falk Richter beschäftigt sich in seinen Stücken mit Neoliberalismus, Globalisierung und Machtgefügen. So ist ELECTRONIC CITY der erste Teil einer Tetralogie mit dem Titel "Das System".

Zudem arbeitet Richter aber auch spartenübergreifend mit verschiedenen Medien. Bei ELECTRONIC CITY beispielsweise spielt er formal gesehen mit Mitteln des Films. Das Stück ist in viele Sequenzen unterteilt, die sehr filmisch durch harte Schnitte unterbrochen werden. Oftmals versucht man seinen Stücken mit Projektionen nahe zu kommen, doch in der österreichischen Erstaufführung verzichtet man darauf und versucht die manchmal harten Brüche mit anderen Mitteln umzusetzen, in diesem Fall hat sich Regisseur Rüdiger Pape für die Musik entschieden. Stefan Tielsch wird das Stück mit einem live gemixten atmosphärischen elektronischen "Soundteppich" versehen.

Auch inhaltlich spiegelt sich Richters Spiel mit verschiedenen Ebenen und Metaebenen wieder, denn plötzlich erfährt der Zuschauer, dass zur selben Zeit ein Film über Joys Leben gedreht wird: "Joys world - a world of joy" - Doch wer spielt gerade? Ist das Joy, oder die Schauspielerin, die Joy spielt? Was ist echt, was ist fake? Ist die Filmcrew real, medial, global oder katastrophal?

Das Leben als Dokusoap: Tom und Joy, ein modernes Liebespaar, eingebettet in eine rasende Welt aus Zahlen und Hektik. Doch es gelingt ihnen trotzdem, auszubrechen, für einen kurzen Moment, eine Zeitblase inmitten einer globalisierten Welt zu erschaffen - "Rasender Stillstand" wie Paul Virilio einen Essay betitelte, lautet die Devise. Die Zeit kurz anhalten, um sich an den Beginn ihrer Liebesgeschichte zu erinnern - mit sehr realen Gefühlen übrigens - ein Hoffnungsschimmer in einer utopischen elektronischen Welt, die so fern vielleicht gar nicht mehr ist.

 
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  REnate aichingER    
 

Regie: Rüdiger Pape
Bühne und Kostüme: Ursula N. Müller
Licht: Jan-Maria Lukas
Electronics: Stefan Tielsch

mit: Maria Fliri, Jasmin Rischar, Ulrike Röseberg; Marcus Schäfer, Markus Schramm, Thomas Wingrich



 
       
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