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„Sie entkommen mir nicht“
Frédéric Beigbeders Skandal-Roman „39,90“ in einer Bearbeitung auf der Bühne des Vorarlberger Landestheaters
„Ich heiße Octave und kaufe meine Klamotten bei APC. Ich bin Werber: ja, ein Weltverschmutzer. Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft. Der Sie von Sachen träumen lässt, die Sie nie haben werden. Immerblauer Himmel, nie flaue Frauen, perfektes Glück, Photoshop-retuschiert. Wenn Sie genug gespart haben, um sich den Traumwagen leisten zu können, den ich in meiner letzten Kampagne lanciert habe, ist der durch meine nächste Kampagne längst überholt. Ich caste die Models, von denen Sie in sechs Monaten einen Ständer kriegen. Wenn ich an den Wänden Ihrer Stadt ein Joghurt anpreise, werden Sie es kaufen, glauben Sie mir, ich kenne meinen Job. Eines Tages werden Sie mein Produkt im Supermarktregal wieder erkennen und Sie werden es kaufen.
Zweitausend Jahre lang war kein verantwortungsloser Idiot mehr so mächtig wie ich. Ich bin Ihnen immer drei Wellen voraus und enttäusche Sie zuverlässig. Glamour ist das Land, in dem man nie landet. Ich fixe Sie mit Neuheiten an, die den Vorzug haben, dass sie nicht neu bleiben. Es gibt immer eine neue Neuheit, die die vorige alt aussehen lässt. In meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht. Um Bedürfnisse zu schaffen, muss man Neid, Leid, Unzufriedenheit schüren – das ist meine Munition. Meine Zielscheibe sind Sie. Ich Bin Überall. Sie entkommen mir nicht.
Alles ist vorläufig, alles ist käuflich. Der Mensch ist eine Ware wie alle anderen, er hat ein Verfallsdatum. Deshalb bin ich entschlossen, mit 33 abzutreten. Offenbar das ideale Alter für eine Wiederauferstehung.“ (Octave in „39,90)
Der grenzenlose Zynismus der Werbebranche ist das Thema von Frédéric Beigbeders 2001 erschienenem Roman 39,90. Er löste damit heftige Debatten aus und das Buch kletterte in den Bestsellerlisten schnell auf die vordersten Plätze. Christian Himmelbauer hat sich den heißen Stoff vorgenommen und in seiner Bearbeitung für die Bühne wird 39,90 nun am Vorarlberger Landestheater zu sehen sein.
Im Klappentext der deutschen Buchausgabe steht: "Genial, ein Buch nach seinem Preis zu benennen." (im französischen Original: "99 Francs", heute: "19.-€") - und in diesem Fall passt es wie die Faust aufs Auge: Es geht um die Werbebranche. Beigbeder arbeitete bei Young & Rubicam, eine der größten internationalen Werbeagenturen und wurde von Michel Houellebecq (der sich seinerzeit mit "Elementarteilchen" in die Bestsellerlisten katapultierte) angeregt, einen Roman darüber zu schreiben, was sich hinter den Kulissen der Werbebranche abspielt.
Beigbeder machte sich an die Arbeit - und zwar in der Absicht, gekündigt zu werden, was prompt funktionierte, da er sich - abgesehen von seiner schonungslosen Kritik - kaum Mühe machte, echte Namen und Auftraggeber zu verschleiern. Young & Rubicam kündigte Beigbeder kurz nach Erscheinen des Buches den Job. Begründung: "Schweres Fehlverhalten".
Der Weg durch die Werbeindustrie führt, wie 39,90 zeigt, durch die Hölle und lässt ausgebrannte Zyniker oder Selbstmörder zurück. Kompromisslos wie Michel Houellebecq führt Beigbeder die Menschenspezies nach dem Ende des Humanismus vor Augen: Sein alter ego Octave ist Top- Werbetexter und arbeitet zusammen mit Charlie, der sich zur Entspannung die größten Perversitäten des Internets herunterlädt, an einer riesigen Werbekampagne für den neuen Diätjoghurt von "Madone" (gemeint ist der französische Lebensmittelhersteller "Danone"). Octave ist ein prinzipienloses "Chamäleon auf Kokain" und greift, nachdem ihn seine schwangere Freundin verlassen hat, nur noch auf die professionellen Dienstleistungen des Callgirls Tamara zurück - und macht sie nebenbei zum Star des in Miami gedrehten "Madone"-Werbespots. Das ganze endet in einer wahnwitzigen Spirale, denn Octave, Charlie und Tamara nehmen schließlich blutige Rache ...
Eine wütendes und provozierendes Buch über die "Maschine" hinter der Werbung, über eine Welt, in der neben Selbst-Beweihräucherung und Selbstverleugnung im Hinblick auf die eigene Verantwortung nur noch Marketing und Gewinn zählen.
Der Autor: Frédéric Beigbeder
Frédéric Beigbeder, geboren 1965 in Neuilly sur Seine/Frankreich, lebt und arbeitet in Paris/Frankreich.
Stationen unter anderem: Werbetexter, Freier Schriftsteller, Programmchef eines Verlages.
Veröffentlichungen (Auswahl):
Nouvelles sous Ecstasy, Erz. (1999). 99 Francs/39.90, Erz. (2000, Grasset/2001, Rowohlt). Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause, Roman (2001, Rowohlt - Übertragung Bettina Grosse). Ferien im Koma, Roman (2002, Rowohlt - Übertragung Brigitte Große). Letzte Inventur vor dem Ausverkauf (2002, Rowohlt - Übertragung Juliane Gräbner-Müller). Windows on the World, Roman (2004, Ullstein - Übertragung Brigitte Große).
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