EIN SOMMERNACHTSTRAUM
von William Shakespeare

Regie: Lothar Maninger
Bühne und Kostüme: Ursula N. Müller
Premiere: 25. März 2006
Theater am Kornmarkt




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„Die Liebe kann ja mal ein Irrtum sein“
Demetrius

Sonett CXLVII
Die Liebe brennt wie Fieber und verlangt
Nach dem allein, was heft'ger sie entfacht,
Und nimmt, in wechselnder Begier erkrankt,
Nur Nahrung, die ihr Leiden schlimmer macht.
Der Liebe Arzt verließ mich, der Verstand,
Im Zorn, weil er vergebens mich berät;
Und in Verzweiflung hab' ich es erkannt,
Begier ist Tod, die jeden Rat verschmäht.
Unheilbar bin ich, und unheilbar wird
Der Wahn in mir zu wilder Raserei,
Mein Denken ist und Reden toll verwirrt,
Sinnloses Stammeln, nichts als leerer Schrei.
Dich nannt' ich schön, sah dich in lichter Pracht,
Die schwarz wie Hölle, dunkel ist wie Nacht.

William Shakespeare

Zum Autor
In sieben Tagen hat Shakespeare die Welt geschaffen.
Am ersten Tag machte er den Himmel und die Berge und die Abgründe der Seele.
Am zweiten Tag machte er die Flüsse, Meere, Ozeane sowie die übrigen Gefühle und
Gab sie dem Hamlet, dem Julius Cäsar, der
Kleopatra und Ophelien, Othello und den anderen, zu
Herrschen darüber mit Kind und Kindeskindern und für alle Zeit.
Am dritten Tag rief er die Menschen samt und sonders zu sich
Und lehrte sie die verschiedenen Arten von Geschmack,
den des Glücks, den der Liebe, den Geschmack
der Verzweiflung, der Eifersucht, des Ruhms usw.,
bis keiner mehr zu vergeben war. Siehe
da stellten sich auch ein paar Nachzügler ein.
Mitfühlend kraulte der Schöpfer sie hinter den Ohren und meinte,
ihnen bliebe nun wohl nichts anderes übrig,
als Literaturkritiker zu werden und
sein Werk in Abrede zu stellen.
Den vierten und fünften Tag reservierte er
Fürs Lachen, ließ den Clowns freie Hand, hieß sie
Purzelbäume schlagen und bot also
Königen und Kaisern und anderen Unglücklichen eine Belustigung.
Am sechsten Tag erledigte er administrative Fragen,
bewerkstelligte einen Sturm
und lehrte König Lear, wie man eine Strohkrone trägt.
Bei der Schöpfung hab es auch Abfall, den nahm er
Und machte Richard III. daraus.
Am siebenten Tag blickte er um sich, ob noch was zu tun sei.
Schon hatten die Theaterdirektoren die Erde ganz
Mit Plakaten beklebt und
Shakespeare sagte sich, nach soviel Mühe
Könne auch er es sich gönnen und ein Vorstellung ansehn, doch
Einstweilen, weil er über die Maße müde war,
ging er ein wenig sterben

Martin Sorescu

Shakespeare in Zahlen
Der Kanon des dramatischen Werkes umfasst 38 Stücke. Mindestens drei davon schrieb Shakespeare in Zusammenarbeit mit anderen Dramatikern. Shakespeares Vokabular beläuft sich auf 29066 verschiedene Wörter
Shakespeares Dramen sind in Einzelwerken in über 80 Sprachen übersetzt, darunter auch in Jakut und Zulu. Komplette Übersetzungen existieren in über 30 Sprachen. Von den Sonetten gibt es über vierzig komplette Übersetzungen aller 154 Sonette ins Deutsche.
Das längste Stück ist „Hamlet“ mit 4042 Zeilen und 29551 Wörtern. Die Rolle des Titelhelden ist auch die längste männliche Rolle: 1507 Zeilen, 357 Auftritte und 11563 Wörter. Die längste weibliche Rolle ist Rosalinde in „Wie es euch gefällt“ mit 721 Zeilen, 201 Auftritten und 5698 Wörtern. Das kürzeste Stück ist „Die Komödie der Irrungen“ mit 1911 Zeilen und 14369 Wörtern. Den größten Anteil Verssprache haben die Hstorien „Richard II.“ und „König Johann“ (100 %). Der größte Teil Anteil an Prosapassagen finden sich in den „lustigen Weibern von Windsor“ (87%).
Die längste Szene ist die zweite Szene des fünften Aktes in „Liebes Leid und Lust“ (914 Zeilen). Es gibt mindestens 24 Einzelkandidaten, die in Frage kommen, Shakespeare zu sein. 37 Personen kommen noch dazu, die an einer Gruppenautorenschaft beteiligt gewesen sein könnten. Vier der Kandidaten sind weiblich.
Es sind 57 unterschiedliche Schreibweisen des Namens „Shakespeare“ bekannt: z.B Chacsper, Shachespeare, Shakespyre, Shakispere oder Shexpere.
Das längste Wort in Shakespeares Werk ist „honorificabilitudinitatibus“ und steht in „Liebes Leid und Lust“
Shakespeare ist der am häufigsten zitierte Dichter der Welt. Von den ca. 1000 First-Folio-Ausgaben von 1623 gibt es heute noch 238. Weniger als 20 sind davon unbeschädigt. „Hamlet“ ist das am häufigsten aufgeführte Theaterstück, das am meisten zitierte Drama und das zweithäufigst verfilmte Polt.
Shakespeare ist der größte Dichter der Welt.


Frank Günther: Aus der Übersetzerwerkstatt
Der Sommernachtstraum kann als Musterbeispiel für den eklektischen Arbeitsstil Shakespeares gelten: ein verblüffendes Sammelsurium aus klassischer und zeitgenössischer Literatur, aus Folklore und Volkslyrik ist hier zu einem buntschillernden, originellen neuen Werk zusammengefügt. Und so kunterbunt, wie die Quellen sind, schillert auch die Sprache des Stückes – vielmehr die Sprachen, denn im Sommernachtstraum wird mit einer Vielzahl von Sprachformen und Sprachstilen in allen klanglichen Abstufungen lustvoll gespielt: reimender du reimloser Blankvers, couplets (gereimte Zweizeiler), Sonettformen, manieristische Reimrepetitionen, trochäische Trimeter, Balladenmetrik, Volksliedformen, parodistische Sprachgroteske und verquere Prosa wechseln sich kontrapunktische und kontrastreich ab.
So eklatant sind die Unterschiede der Sprachschichten für die Ohren eines englischen native speaker, dass von der Shakespeare-Philologie (J.D. Wilson u.a.) sogar einmal ernsthaft spekuliert wurde, die Szenen der Liebespaare müssten wohl Resteverwertung einer sehr frühen Fingerübung aus Shakespeares Anfängerjahren sein, die er später zu Zeiten ausgereifter sprachlicher Meisterschaft beim Schreiben des Sommernachtstraums einfach übernommen hat – so mechanisch, ungeschickt, künstlich, kurz: einfach qualitativ schlecht seien diese Liebespaar-Texte, verglichen mit dem großen lyrischen Atem der Elfenszenen.
Auch ohne gewaltsam einen Makel zur Tugend erklären zu wollen, lässt sich die künstliche Sprache der Liebespaare aber sehr wohl als beabsichtigte Kunstform von großer Bedeutung im Gesamtgeflecht des Stückes verstehen.
Die Liebespaare reimen in couplets, einer sehr starren, spröden Form: Ein Satz umfasst zwei Verse; die gedankliche Zäsur liegt am Ende des ersten Verses, und der Satz endet mit der Betonung auf dem Reimwort am Ende des zweiten.
(...)

Wie bei lautem Lesen unschwer zu merken ist „klappert“ es gewaltig; mehrere solcher couplets nacheinander wirken äußerst künstlich, steif und mechanisch. Einer Mechanik gehorchen aber auch die Liebesverwicklungen der Paare im Wald und auch die Paare selbst, die kaum individuelle Charakterzüge tragen und so austauschbar erscheinen, dass men (beim Lesen zumindest) meist nicht genau weiß, wer wer ist. Sie wirken marionettenhaft – und sind im Wald auch Marionetten, an deren Fäden Puck und Oberon mit sardonischer Freude zupfen.
Shakespeare, der Manierist, verwendete mit Lust Sprachformen, die als zitierte Form bereits signalhaft bestimmte Assoziationen auslösten: Die gedrechselte, floskelhafte Rhetorik der euphuistischen Lyrik ( ein modischer, bombastischer Sprachstil, benannt nach einem Roman des bei Hof sehr erfolgreichen Dichters John Lyly) stand damals für den gezierten Stil der gekünstelten, naturfernen Stadt- und Hofkultur; hier war sie für Shakespeare das passende Sprachmittel, um die Liebespaare ironisierend in einer bestimmten Weltecke anzusiedeln, aus der sie zur Verwandlung in den Wahnsinn, den Traum und die Nacht schicken konnte. (...)

Dagegen ist die Sprach der Geisterwelt frei von solchen euphuistischen Gedrechsel frei (...) Liest man laut und auf Sinn, merkt man schnell: Die gereimten Blankverse schwingen souverän über dem Metrum, der jeweilige Gedanke überflißt dynamisch das Zeilenende, und wo bei den Liebespaar-Couplets der betonte Reim die platte Auflösung der inneren Satzspannung leistet, haben sich die Reime der Elfensprache zu unauffälligem melodischen Klanrepetitionen veredelt.
Schlegel hat in seiner Übersetzung einen einheitlichen lyrischen Sprachteppich ausgerollt, der die erwähnten Unterschiede zudeckt. Wen man aber die oben beschriebene Differenzierung der Sprachformen als wesentlich, weil sinnstiftend, verseht, muss sie auch in der Übersetzung ihren Ausdruck finden.
Hier zeigt sich gleich, wie unmöglich es letztendlich ist, das, „was der Autor gemein hat“ identisch wiederzugeben: ein elisabethanischer Zuschauer begriff sontan den Sprachcode der rhetorischen, euphuistischen couplets als Zitat einer aktuellen Modelyrik und als Zeichen für einen konkreten sozialen Ort und „Stil“ der Figuren. Ein heutiger Zuschauer begreift spontan davon nichts mehr, weil in seiner Welt und in seiner Wirklichkeit nichts (/mehr( davon existiert. Das Wissen überlebt als Fußnote und Anmelkung auf Buchseiten(wie dieser( aber nicht im lebendigen Theater. Vierhundert Jahre Geschichte und eine andere kulturelle Situation drängen sich unüberwindlich zwischen Test und Leser/ Zuschauer
Trotzdem zumindest eine Ahnung davon für ein heftiges spontanes Verständnis zu retten war aber das Bemühen: wenigstens Äquivalente für die emotionale (also auch sinntragende) Unterscheidung der Sprachschichten zu finden, wenn schon die konkrete gesellschaftliche Bedeutung verloren ist. (Heutiger Stadt-Jugend-Slang wäre vielleicht für ein neues Stück nach Motiven des Sommernachtstraums zu verwenden, das über heutige Weltzusammenhänge erzählt, wie das Stück Der Park von Botho Strauß, aber nicht für eine Übersetzung.)
Hier sollten Lyrikformen aus deutscher Literaturtradition die handwerklichen Muster leihen, um mit der jeweiligen Sprachschicht umzugehen. Die übergeordnete übersetzerische Entscheidung – als die, dezidiert in verschiedene Sprachregister zu übersetzen – hat damit jeweils die Lösung für den einzelnen Satz bestimmt, die ohne diese grundsätzliche Überlegung vielleicht ganz anders ausgefallen wäre. Für die hölzerne, steife, leicht ironisierte couplet-Klapperei der Liebespaare rumorten daher Verse wie diese im Hinterkopf:

Hier sieht man Fritz, den muntern Knaben,
Nebst Huckebein, dem jungen Raben.
Und dieser Fritz, wie alle Knaben,
Will einen Raben gerne haben. (Busch)

Und für die schwebende Melodik der Feenwelt:
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ist der Vögel wundervollen Flügen,
Die langgeschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten (Trakl)

In der dritten großen Sprachwelt des Stückes, der Handwerker, feiert unfreiwillige Sprachkomik Triumphe. Im Bemühen, ihre Geschichte ganz penibel in dichterisch-akademische „Formen“ zu gießen, zerbricht den Handwerkern der „Inhalt“. Reim dich oder ich fress dich. Ein „Genie der unfreiwilligen Komik“ gibt es auch in unserem Sprachkreis: Friederike Kemper, den schlesischen Schwan. Hier ihr tiefempfundenes, sehr ernstes Künstlergedicht, das durchaus auch als Motto für das Gesamtunternehmen dieser neuen Shakespeare-Übersetzung gelten könnte; es heißt:
Schweiß
Willst gelangen du zum Ziele
Wohlverdienten Preis gewinnen,
Muss der Schweiß herunterrinnen
Von der Decke bis zur Diele!

Anmerkungen zum Text
Entstehungszeit etwa 1595/96, im Umfeld von Romeo und Julia und Der Kaufmann von Venedig. Erstdruck 1600 in einem guten Quarto. Einer /nirgends belegten, aber dauerhaften) Spekulation zufolge angeblich für eine Fürstenhochzeit geschrieben. Eine direkte Vorlage ist nicht bekannt.
Charakteristisch für den Text ist aber die Vielzahl der Quellen, aus denen Shakespeare erwiesenermaßen sein Material nahm: Chaucers „Knights Tales, Ovids Metamorphosen, Plutarchs Große Griechen und Römer, die pathetischen englischen Übersetzungen der Seneca-Tragödien, eine französische Ritterromanze über den Paladin Huon von Bordeaux, Apuleios Goldener Esel, zeitgenössische Werke über das Geister-, Hexen- und Elfenwesen, das weite Feld englischer ländlicher Folklore und der Volksglauben.
„Midsummernight“ ist die Nacht vom 23. auf den 24. Juni (Johannisnacht). Nach altem Volksglauben droht in dieser Nacht nach sommerlicher Hitze des Ausbruch des sprichwörtlichen Mittsommerwahnsinns (midsummer madness), der die Menschen um den Verstand bringt, so dass ihre Phantasie, ungezügelt von kontrollierender Vernunft, die wildesten Blüten treibt und empfänglich wird für die Magischen, dunklen Kräfte der Natur – der Wahnsinn regiert, aller Alltagssinn löst sich auf. Laut Volksglauben können junge Leute in dieser Nacht herausfinden, wer ihr zukünftiger Ehepartner wird.


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