Der Kontrabass
von Patrick Süskind
Wiederaufnahme am 13. April 2007

Regie: Harald F. Petermichl
Bühne und Kostüme: Christine Brandi
Probebühne





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  Biografie
Süskind über Süskind
Die Taube
Thomas Bernhard
Verwendete Aufnahmen
   
 
 

Der Autor Patrick Süskind
 
Patrick Süskind wird am 26. März 1949 in Ambach am Starnberger See geboren. Sein Vater, der 1970 verstorbene Wilhelm Emanuel Süskind war Schriftsteller, Übersetzer und politischer Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung", schrieb mehrere Romane und vielbeachtete Artikel über die deutsche Sprache. "Aus dem Wörterbuch eines Unmenschen", eine Artikelsammlung, die Wilhelm Süskind mit Dolf Sternberger und Gerhard Storz verfasste, beschäftig sich mit der national-sozialistischen Gewaltherrschaft und ihrem Fortwirken.
Patrick Süskind  wächst in einem kleinen bayrischen Dorf, Holzhausen, auf. Dort besucht Süskind die Dorfschule und später das Gymnasium. Nach seinem Abitur und Zivildienst studiert er von 1968 bis 1974 in München, wie sein Vater, Geschichte. Ein Auslandstudienjahr verbringt Süskind in Aix-en-Provence, wo er sich mit der französischen Sprache und Kultur vertraut macht. Er schließt sein Studium mit einer Arbeit über George Bernard Shaws politisches und soziales Interesse ab. Danach lebt er von Gelegenheitsjobs und schreibt Drehbücher und kleine Prosastücke, die aber zunächst nicht veröffentlicht werden.

Mit der Uraufführung seines einaktigen Monologs "Der Kontrabass" im Münchner Cuvilliée gelingt Süskind 1981 schlagartig der Durchbruch. Mit über 500 Aufführungen und über zwanzig Inszenierungen wird 'Der Kontrabass' zum meistgespielten Theaterstück der Saison 1984/85 im deutschsprachigen Raum und auch zum ersten internationalen Erfolg Süskinds, da sein Stück in zahlreiche Sprachen übersetzt wird. Die "brillant-verräterische Selbstdarstellung eines Orchestermusikers aus den zweiten Glied" zeigt einen Mann, der an der eigenen "Unauffälligkeit und Bedeutungslosigkeit" leidet und zwischen "verinnerlichter Subordination" und "nörgelndem Fatalismus changiert."
Dass er ein Grenzgänger zwischen literarischem Anspruch und Massenunterhaltung ist, dokumentiert Patrick Süskind in den 80er Jahren durch die Mitarbeit an den Drehbüchern für die zwei erfolgreichen Fernsehserien "Monaco Franze. Der ewige Stenz"(1983) und "Kir Royale. Aus dem Leben eines Klatschreporters"(1987). Dazu zählt auch der Kinofilm 'Rossini - oder die Frage wer mit wem schlief', den Süskind zusammen mit Regisseur und Freund Helmut Dietl geschrieben hat.
Sein Roman "Das Parfum" macht ihn 1985 endgültig zu einem der weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur. Dieser Roman ist nicht nur ein Bestseller, sondern auch ein Longseller: Neun Jahre lang haltet er sich auf der Spiegel-Bestsellerliste. Süskinds Verlag startet die erste Auflage mit über 100 000 Exemplare, die bereits nach wenigen Monaten vergriffen ist. Inzwischen wurde der Roman in 33 Sprachen übersetzt und über acht Millionen Mal verkauft.
Marcel Reich-Ranicki feiert Süskind mit den Worten: "Also das gibt es immer noch und schon wieder: einen deutschen Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist; einen zeitgenössischen Erzähler, der dennoch erzählen kann; einen Romancier, der uns nicht mit dem Spiegelbild seines Bauchnabels belästigt; einen jungen Autor, der trotzdem kein Langweiler ist."
1987 wird Süskinds Erzählung "Die Taube" veröffentlicht, deren Hauptfigur der Bankwachmann Jonathan Noel ist. Durch eine vor seiner Mansardentür sitzende Taube wird Noel aus der überraschungslosen Alltäglichkeit seines eintönigen Lebens geworfen und stürzt in einen Zustand orientierungsloser Hilflosigkeit.
Noel lebt, wie der Kontrabass-Spieler, isoliert und einsam ein sorgfältig geplantes Leben, das aber durch das Auftauchen der Taube in einer Katastrophe zu enden droht.
"Die Geschichte von Herrn Sommer" erschien im Jahre 1991 und handelt vielmehr von der Kindheit des Ich-Erzählers, wie von der Titelfigur. Die Kindheit, die hier erzählt wird, weist einige Parallelen zur Kindheit des Autors auf.
Laut der These des "Spiegels" ist in der Geschichte des menschenscheuen Herrn Sommers "mehr die Geschichte von Herrn Süskind selbst".
Süskinds Sonderlinge empfinden ihre Umwelt als bedrohlich und leben zurückgezogen in engen Räumlichkeiten. Der Kontrabass-Spieler in einem schall-isolierten Raum, der Wachmann Noel in einer kleinen Dachkammer. Grenouille verbringt sieben Jahre seines Lebens in einer Höhle unter der Erde und der Ich-Erzähler aus der "Geschichte von Herrn Sommer" lebt einen großen Teil seines Lebens auf Bäumen.
Süskinds "Antihelden" haben alle Schwierigkeiten, sich in der Welt und im Umgang mit ihren Mitmenschen zurechtzufinden.

Trotz Patrick Süskinds literarischen Berühmtheit ist über den Menschen Süskind nur wenig bekannt. Er legt keinen Wert auf Popularität, er tritt selten in der Öffentlichkeit auf und gibt grundsätzlich keine Interviews. Er lebt zurückgezogen in München, Paris und Montolieu (Südfrankreich).


Süskind über Süskind

Ich bin 1949 in Ambach am Starnberger See geboren und spiele nicht Kontrabass, sondern Klavier. Meine musikalische Ausbildung lag ab dem siebten Lebensjahr in den Händen von Frl. Traudl Schulze, Ambach, und umfasste die Einstudierung der Werke „Die Hunnen kommen“, „Album für die Jugend“ und einiger Sonaten zu vier Händen von Anton Diabelli. Mit neunzehn Jahren schloss ich das Studium des Klavierfachs ab mit einer Sonatine von Kuhlau und dem Secundo-Part des Klavierauszugs des Sinfonie mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn (1. Satz)
Da eine vom Vater ererbte Sehnenverkürzung des 5. Fingers und eine von der Mutterererbte Überlänge der Finger 2, 3, und 4 mich hauptsächlich auf akkordisch begleitendes Spiel beschränkten (Meeresstille“, „Der Tod und das Mädchen“, „Es war ein König in Thule“ etc.) , verzichtete ich des weiteren auf eine solistische Karriere und warf mich im Wintersemester 1968 auf das Studium der mittleren und neueren Geschichte an der Universität München, welches ich 1974 mit einem Hauptseminar bei Prof. Ludwig Hammermayer über „Die britischen Inseln zwischen den Weltkriegen“ und einem Referat über „Georges Bernard Shaws politisches und soziales Engagement nach 1918“ mit recht gutem Erfolg beendete. Nebenher arbeitete ich unter anderem in der Ablage der Vertrags- und Patentabteilung des Hauses Siemens, in der Tanzbar „Zum fliegenden Holländer“ in Berg am See und als freiberuflicher Tischtennistrainingspartner.
Seither bin ich tätig als Autor von kürzeren unveröffentlichten Prosastücken und längeren unverfilmten Drehbüchern. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit Letzteren und mit der Herstellung von Exposés, die wegen ihres geschliffenen Stils von Redaktionen nur schwer abgelehnt werden können.
Das Stück „Kontrabass“ schrieb ich im Sommer 1980. Es geht darin – neben einer Fülle anderer Dinge – um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnter bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mit immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt.
In einem so gearteten Zimmer will ich dann versuchen, ein Zwei-Personen-Stück zu schreiben, das in mehreren Zimmern spielt.

Quelle: Programmheft Der Kontrabass, Uraufführung, Bayerisches Staatsschauspiel München, 1981

Patrick Süskind: Die Taube

Jonathans Nummer 24 war im Lauf der Jahre zu einer vergleichsweise komfortablen Behausung geworden. Er hatte sich ein neues Bett gekauft, einen Schrank eingebaut, die siebeneinhalb Quadratmeter Boden mit grauem Teppich ausgelegt, seine Koch- und Waschecke mit schöner roter Lacktapete ausgekleidet. Er besaß ein Radio, einen Fernsehapparat und ein Bügeleisen. Seine Lebensmittel hängte er nicht mehr, wie bisher, in einem Säckchen zum Fenster hinaus, sondern verwahrte sie in einem winzigen Kühlschrank unter dem Waschbecken, so dass ihm jetzt nicht einmal mehr im heißesten Sommer die Butter zerrann oder der Schinken vertrocknete. Am Kopfende des Bettes hatte er ein Regal angebracht, in dem nicht weniger als siebzehn Bücher standen, nämlich en dreibändiges medizinisches Taschenwörterbuch, eineige schöne Bildbände über den Cromagnon-Menschen, Gusstechniken der Bronzezeit, das alte Ägypten, die Etrusker und die Französische Revolution, ein Buch über Segelschiffe, eines über Flaggen, eines über die tropische Tierwelt, zwei Romane von Alexandre Dumas dem Älteren, die Memoiren von Saint-Simon, ein Kochbuch für Eintopfgerichte, der ?Kleine Larousse" und das ?Brevier für das Wach- und Schutzpersonal mit besonderer Berücksichtigung   der Vorschriften für den Gebrauch der Dienstpistole". Unter dem Bett lagerten ein Dutzend Flaschen Rotwein, darunter eine Flasche Château Cheval Blanc grand cru classé, die er sich für den Tag seiner Pensionierung im Jahre 1998 aufbewahrte. Ein ausgetüfteltes System von elektrischen Lampen sorgte dafür, dass Jonathan an drei verschiedenen Stellen seines Zimmers - nämlich am Fuß- und am Kopfende seines Bettes sowie an seinem Tischchen - sitzen und Zeitung lesen konnte, ohne geblendet zu werden und ohne dass ein Schatten auf die Zeitung fiel.

Durch die vielen Anschaffungen war das Zimmer freilich noch kleiner geworden, es war gleichsam nach innen zugewachsen wie eine Muschel, die zuviel Perlmutt angesetzt hat, .... Seine wesentliche Eigenschaft aber hatte es über die dreißig Jahre hinweg behalten: Es war und blieb Jonathans sichere Insel in der unsicheren Welt, es blieb seinfester Halt, seine Zuflucht, seine Geliebte, ja, seine Geliebte, denn sie umfing ihn zärtlich seine kleine Kammer, wenn er abends heimkehrte, sie wärmte und schützte ihn, sie nährte ihn an Leib und Seele, war immer da, wenn er sie brauchte, und sie verließ ihn nicht. Sie war in der Tat das einzige, was sich in seinem Leben als verlässlich erwiesen hatte.


Thomas Bernhard: Der Ignorant und der Wahnsinnige

Doktor: Man muss die Kraft haben abzusagen
Etwas abzubrechen
Das zur Gewohnheit geworden ist
Eine Vorstellung absagen
Oder

Königin Oder

Doktor Oder mitten in der Vorstellung
Beispielsweise mitten in der Rachearie
Aufhören zu singen
Die Arme fallen lassen
Das Orchester ignorieren
Das Publikum ignorieren
Alles ignorieren
Dastehen
Und nichts tun
Und alles anstarren
Anstarren verstehen Sie
Plötzlich die Zunge herausstrecken

Königin und Doktor lachen

Zuerst förmlich absagen
Mittels eines Telegramms
Aber dann
Plötzlich
Urplötzlich
Peispielsweise in der Metropolitanoper
Oder in Coventgarden
An der wirkungsvollsten Stelle natürlich
Einen Skandal entfesseln
Eine Vorstellung platzen lassen
In die Hände klatschen
Und die Zunge herausstrecken
Und lachend abgehen
Lachend
Lachend verstehen Sie
Lachend

Königin und Doktor lachen laut

 Verwendete Aufnahmen:

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73
London Festival Orchestra
Julian Armstrong

Richard Wagner: Walküre
Vorspiel 1. Aufzug
Bayreuth 1953
Clemens Krauss

Karl Ditters von Dittersdorf:
Konzert No. 1 Es-Dur für Kontrabass und Orchester
Kontrabass: Franticek Posta
Prag 1989

Wolfgang Amadeus Mozart
Cosí fan tutte; 1. Akt, Arie der Dorabella
Dorabella: Christa Ludwig
Wiener Philharmoniker 1955
Karl Böhm

 
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