DIE KOPIEN (A Number)
Schauspiel von Caryl Churchill
Deutsch von Falk Richter
Regie: Lothar Maninger

Premiere: Sa. 21. Januar 2006, 20.00 Uhr
Theater auf der Probebühne

Weitere Vorstellungen:
21., 25., 27., 28. Jänner, 01., 02., 04., 08., 15., 17., 18., 22., 24. und 25. Februar.

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Die Autorin

Caryl Churchill, 1938 geboren, ist die wohl wichtigste englische Gegenwartsdramatikerin. Schon in ihren frühen Stücken in den siebziger Jahren experimentiert sie mit verschiedenen dramatischen Formen und Erzählweisen. In ihren Stücken beschäftigt sie sich meist mit gesellschaftlichen und politischen Themen. Churchill hat über zwanzig Stücke geschrieben, u.a. "Owners" (Royal Court Theatre 1972), "Light Shining in Buckinghamshire" (Joint Stock 1976), "Cloud Nine" (Joint Stock / Royal Court Theatre), "Top Girls" (Royal Court Theatre 1982), "Serious Money" (Royal Court Theatre 1987), "Skriker" (Royal National Theatre 1994) und "Blue Heart" (Out of Joint 1997). Caryl Churchill schreibt neben Theaterstücken auch Fernsehmanuskripte und Hörspiele.

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Zu diesem Zeitpunkt wurden aus dem ursprünglichen Ei bereits acht bis sechsundneunzig Embryos - gewiss ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der Natur! Völlig identische Geschwister, aber nicht lumpige Zwillinge oder Drillinge wie in den alten Zeiten des Lebendgebärens, als sich ein Ei manchmal zufällig teilte, sondern Dutzendlinge, viele Dutzendlinge auf einmal.

"Dutzendlinge", wiederholte der Direktor mit weitausholender Armbwegegung, als verteilte er Almosen. ?Viele Dutzendlinge."

Ein Student war töricht genug, zu fragen, wo da der Vorteil liege.

"Aber, lieber Freund!" Der Direktor drehte sich mit einem Ruck zu ihm um. "Begreifen Sie nicht? Ja, begreifen Sie denn das nicht?" Er hob den Zeigefinger mit feierlicher Miene. "Das Bokanowskyverfahren ist eine der Hauptstützen für eine stabile Gesellschaft."

Eine der Hauptstützen für eine stabile Gesellschaft

Menschen einer einzigen Prägung, in einheitlichen Gruppen. Ein einziges bokanowskysiertes Ei lieferte die Belegschaft für eine kleine Fabrik.

"Sechsundneunzig völlig identische Geschwister bedienen sechsundneunzig völlig identische Maschinen." Seine Stimme bebte fast vor Begeisterung. "Da weiß man doch wirklich, woran man ist! Zum ersten Mal in der Weltgeschichte!" Er zitierte den Leitspruch des Erdballs: "Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit." Goldene Worte.
(S. 24)

...

Das Wirtschaftspersonal der Moribundenklinik in Potsdam bestand aus hundertzweiundsechzig Deltas: einer Bokanowskygruppe von vierundachtzig rothaarigen, rundschädeligen, weiblichen und einer von achtundsiebzig dunkelhaarigen langschädeligen männlichen Simultangeschwister. Um sechs, nach Arbeitsschluss, versammelten sie sich in der Eingangshalle, um vom Hilfssäckewart ihre tägliche Ration Soma in Empfang zu nehmen.

Der Wilde geriet, aus dem Aufzug tretend, mitten unter sie. Aber seine Gedanken weilten anderswo, bei Tod, Trauer und Reue. Mechanisch, ohne zu wissen, was er tat, begann er, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

"Was stoßen Sie denn? Sehen Sie nicht, wo Sie hingehen?" Aus einer Unzahl Kehlen quiekten oder knurrten, hoch oder tief, nur zwei Stimmen. Endlos vervielfältigt wie in gegenübergestellten Spiegeln, wandten sich ihm zornig zwei Gesichter zu, eine glatte, sommersprossige Vollmondvisage mit rötlicher Gloriole und eine spitze Vogelmaske mit zwei Tage alten Bartstoppeln. Ihre Worte und scharfen Rippenstöße unterbrachen den Damm seiner Geistesabwesenheit. Er wurde sich wieder der äußeren Wirklichkeit bewusst; sah sich um; begriff, was er sah; begriff, von Grauen und Ekel gepackt, dass es der immer wiederkehrende Alptraum seiner Tage und Nächte war, der Alptraum wimmelnder ununterscheidbarer Gleichheit. Dutzendlinge, Dutzendlinge ... Wie Maden waren sie über das Mysterium von Filines Tod gekrabbelt und hatten es besudelt. Maden auch hier, nur größer, ausgewachsener, die über seine Trauer und seine Reue wimmelten. Er blieb stehen und starrte fassungslos, entsetzt auf den Khakimob rings um sich, den er um einen ganzen Kopf überragte.

"O Wunder" Was gibt's für herrliche Geschöpfe hier!" Die Worte klangen ihm höhnisch im Ohr ? Wie schön der Mensch ist! Schöne neue Welt..."
(S. 207f.)

Wie also wäre das: man läuft durch die Straßen und begegnet sich selbst: wenn das da drüben ich bin, wer bin dann ich? Cloning. Ein Thema, das alle beschäftigt, weil es die Fragen nach dem, was das Einzigartige eines Menschen ausmacht, wieder in aller Dringlichkeit stellt. Und was ist das Lebewesen, das da entstehen würde? Bin ich das nochmal? Ob wir es ertragen würden, als Serie aufzutreten und wieder zurückgerufen zu werden, wenn unsere Auftraggeber einen Defekt an uns reklamieren würden? Wie würden wir empfinden, wenn wir plötzlich erführen, dass derjenige, den wir für unseren Vater gehalten haben, nurmehr der Mann war, der uns in Auftrag gegeben hat und uns nach einer Vorlage hat kopieren lassen? Und all die Zwischenschritte? Zwischenwesen, die keiner haben will, weil sie nicht perfekt waren? Kommen die dann auf den Müll?

Caryl Churchill versetzt ihr Stück "Die Kopien" in eine nahe Zukunft, die wie ein heute wirkt, in dem die Verheißungen der Biogenetik wahr geworden sind. Wenn es mal mit einem Kind oder Partner nicht klappt, schmeißen wir ihn weg und lassen ihn noch mal neu herstellen. Vielleicht klappt es dann beim zweiten Anlauf besser: die Möglichkeit, das eigene Leben ständig zu wiederholen, aus Fehlern zu lernen, alles so oft zu probieren, bis es optimal funktioniert. Aber was sind das dann für Wesen, die ständig fürchten müssen, ersetzt zu werden? Fühlen die sich noch wie Menschen?

Vier Rollen und zwei Schauspieler. (...) Das Stück beginnt mit dem Moment, wo Bernard 2, der sich bislang für den einzigen und echten Sohn Salters gehalten hat, erfährt, dass es zwanzig von ihm gibt. Was bislang eine harmonische Vater-Sohn-Beziehung zu sein schien, wird nun eine investigative Reise, spannend wie ein Thriller.
Falk Richter

Eizellspenden für Wilmut
Dolly-Schöpfer Ian Wilmut will gesunde Frauen als Eizellspenderinnen für seine Klonexperimente anwerben. Hierfür möchte er demnächst die Genehmigung der britischen Zulassungsbehörde HFEA einholen, die ihm bereits im Februar eine Lizenz zum Forschungsklonen erteilt hat. Zwar hatte Wilmut noch zum Zeitpunkt des Lizenzantrages argumentiert, für seine Forschung würden nur überzählige Eizellen aus IVF-Behandlungen verwendet werden. Inzwischen hält sein Forscherteam die Qualität dieser nicht-befruchtungsfähigen Eizellen aber für nicht ausreichend. Die Qualität der Eizellen war sowohl in den Experimenten des südkoreanischen Forscherteams um den Stammzellforscher Woo Suk Whang als auch von Wilmuts Kollegen im Forschungszentrum Newcastle upon Tyne für den Erfolg des Menschenklonens für zentral befunden worden. Beide Forschungsteams hatten Anfang des Jahres gemeldet, einen menschlichen Embryo mittels Kernstransfer hergestellt zu haben (siehe GID 170, Notizen Mensch und Medizin). In einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian sagte Wilmut, er zweifle nicht daran, "dass Frauen zur Eizellenspende bereit seien, wenn sie denken, dass wir damit Menschen helfen, Therapien zu bekommen. Unsere Hoffnung und unsere Überzeugung ist, dass Frauen, die die schreckliche Wirkung dieser Krankheit gesehen haben, zu einer solchen Spende bereit sind." (The Guardian, 26.07.05)

Bahnbrechende Studie komplett gefälscht
Gentechnik-Pionier Hwang ist untergetaucht - Universität gab vorläufige Untersuchungs- Ergebnisse bekannt

Seoul - Der zuvor als Gentechnik-Pionier gefeierte südkoreanische Wissenschafter Hwang Woo Suk hat seine vermeintlich bahnbrechende Studie nach Erkenntnis seiner Universität komplett gefälscht. Die Nationaluniversität von Seoul teilte am Donnerstag mit, Hwang habe nicht eine einzige für Patienten maßgeschneiderte Stammzelle hergestellt.

Der Forscher tauchte inzwischen unter. Zuvor hatte er betont, er habe die Technologie entwickelt, um menschliche Stammzellen zu klonen.

Nachdem sich in der vergangenen Woche herausgestellt hatte, dass Hwangs Labor-Daten für neun der insgesamt elf Stammzellen-Linien gefälscht waren, bestätigte eine Untersuchungskommission nun auch für die beiden letzten Linien, dass sie von befruchteten Eiern stammten und nicht für Patienten maßgeschneidert wurden. Das teilte die für die Forschung zuständige Dekanin der Universität, Roh Jung Hye, mit.

Hwang und sein Team hatten in diesem Jahr außerdem erklärt, den weltweit ersten Klon-Hund geschaffen zu haben. Auch die Glaubwürdigkeit dieser Studie wird nun bezweifelt. Endgültige Klarheit soll der Untersuchungsbericht der Universität bringen, der Mitte Jänner veröffentlicht werden soll.

Hwang war in den vergangenen Jahren in Südkorea wie ein Popstar gefeiert worden. Im November trat er als Direktor des Forschungszentrums World Stem Cell Hub zurück. Der 53-Jährige entschuldigte sich in der vergangenen Woche für sein Fehlverhalten und gab seinen Lehrstuhl zurück. (APA) Der Standard, 29.12.2005

Nachwort von Charlotte Kerner zum Roman »Blueprint Blaupause«

Die Meldung von der Geburt des ersten Klonkindes Eve ging Ende Dezember 2002 um die Welt. Für kurze Zeit schien tatsächlich die Zeit der Menschenklone angebrochen zu sein, hielten viele - auch ich - diese Klongeburt für wahrscheinlich. Die Zeitungen dichteten passend zur Weihnachtszeit »Ihr Klonkinderlein kommet« und mein Roman Blueprint war plötzlich keine Sciencefiction mehr. Auf beklemmende Weise machte der vermeintliche Klon Eve, der sich bald als Falschmeldung und ausgeklügelter Werbegag einer Sekte entlarvte, klar, wie unglaublich fiction und facts, Phantasie und Tatsachen, sich bereits angenähert haben.

Als ich Mitte der neunziger Jahre begann, die noch unmögliche Geschichte von Iris und Siri Sellin zu erzählen, musste ich nur das bereits Mögliche weiterdenken. Und das Mögliche, das den allerersten Anstoß für dieses Buch gab, geschah bereits im Oktober 1993. Zwei amerikanische Wissenschaftler spalteten menschliche Embryonen in der Schale (in vitro) mit »mikrochirurgischen Methoden« und schufen so zum ersten Mal »künstliche Zwillinge«. Aus den Zwei- und Achtzellern wurden zwei bis acht Zellen mit identischen Genen, die sich tatsächlich weiterentwickelten: der Rohstoff für menschliche Klone. Die Forscher vernichteten die Embryonen im 32-Zellstadium und präsentierten ihr Experiment der Öffentlichkeit.

Was die Forscher taten, wurde in der Tierzucht seit langem praktiziert und brachte keinerlei neue Erkenntnisse. Der Tabubruch allein war das Ziel und ein Signal, ein lautes Warnsignal. Denn als eigentliche Herausforderung galt die Herstellung der Kopie eines erwachsenen Säugetieres, also die Erschaffung von eineiigen Zwillingen, die eine Generation trennt. Und genau das verkörpern die zwei Hauptpersonen dieses Buches: Die Klon-Mutter Iris und ihre Blaupause, die Tochter Siri.

Ich steckte bereits mitten in der Arbeit an dieser Zukunftsgeschichte, als auch mich das Schaf Dolly überraschte, das schon 1996 geboren worden war, aber wegen Patent-fragen erst 1997 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. Dolly war das erste Säugetier, dessen Klonierung aus den Euterzellen eines erwachsenen Schafes gelang. Geklonte Kälber und Mäuse folgten geschwind, Klon-Affen ließen einige Zeit auf sich warten. Je sicherer die Methode und je höher die Erfolgsrate, um so näher rückt die Zeit, in der Menschenklone gemacht und mit uns leben werden (siehe dazu Was kann die Wissenschaft? ).

Augenblicklich weilt der Klon auf viel subtilere Weise unter uns: in unserer Sprache. Der Begriff »Klonen« wurde in den letzten Jahren nicht nur gesellschaftsfähig, sondern hat regelrecht Karriere gemacht : Statt »ähnlich« wird oft das Wort »geklont« gebraucht, statt »Doppelgänger« sagt man lieber »Klon«. Auch in Büchern und Filmen hat die menschliche Kopie Konjunktur, meistens als Witzfigur, manchmal aber auch als Zombie oder Schreckgespenst. In diesem Roman dagegen ist der Blueprint Siri Sellin zuallererst ein Kind, ein Mädchen, eine Tochter, also ein Mensch wie jede und jeder von uns.

Blueprint spielt, wie schon mein erster Roman Geboren 1999 , in der »schönen neuen Welt« der Fortpflanzungsmedizin. Beide Bücher erzählen, was die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse für einen einzelnen Menschen bedeuten kann, was dieser »Fortschritt« mit und in jemandem anrichtet. Im Zentrum der Geschichte stehen also nicht die Macher und ihre Methoden, sondern die Gefühle der produzierten Kinder und ihre Identitätssuche im anbrechenden »ART-Zeitalter«. Dieser Begriff ist ein Wortspiel, das der Vater der Verhütungs-Pille, Carl Djerassi, geprägt hat: ART - englisch für Kunst - ist die Abkürzung von artificial reproductive techniques (künstliche Fortpflanzungstechniken).

Was 1978 mit dem »Retortenbaby« begann, führte 1996 zur Geburt von Schaf Dolly und wird zu Beginn des dritten Jahrtausends sehr wahrscheinlich mit der Geburt des ersten Menschenklons, des ersten echten Designerbabys oder KUNST-Menschen enden - der Beginn einer Zuchtwahl. Zum ersten Mal wäre dann der Zufall ausgeschaltet, würde ein Mensch tatsächlich produziert.

Das erste große internationale Klon-Geschäft ist bereits angelaufen, zwar nicht mit Menschen, jedoch mit alten oder verstorbenen Haustieren unter dem Motto »clone a pet«. In Genbanken und Bioboxen lagern gegen Geld die Gewebeproben unzähliger vierbeiniger Lieblinge und warten auf eine zukünftige Auferstehung. Die jedoch glückte bislang bei keinem Hund, obwohl ein Öl-Milliardär sehr großzügig das Klonprojekt »Missyplicity« inklusive eines kompletten Forscherteams finanzierte, um seine Collie- Hündin Missy weiterleben zu lassen.

In dem Aufsatz »Laßt uns einen Menschen klonieren. Betrachtungen zur Aussicht genetischer Versuche mit uns selbst«, stellte der Philosoph Hans Jonas schon Anfang der achtziger Jahre fest: »Der Tierzüchter weiß jeweils, was er vom Tier will.« Doch Jonas fragte weiter: »Aber wissen wir auch, was wir vom Menschen wollen?«

Ein Blick zurück, und zwar in den Sommer 1998, als das Manuskript von Blueprint vorlag. Damals fragte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel den amerikanischen Molekularbiologen Lee Silver: »Wann, glauben Sie, wird der erste geklonte Mensch geboren werden?« Der Verfasser des Buches »Das geklonte Paradies« antwortete: »Als die Nachricht vom Klonschaf Dolly um die Welt ging, hätte ich gedacht: in zehn Jahren. Jetzt glaube ich: in fünf Jahren.« Stimmt sein Prognose, würde 2003 zu dem in meinem Roman genannten Jahr Null werden, dem Jahr, in dem der erste Menschenklon geboren wird.

Wenige Monate nach diesem Interview im Dezember 1998 (die erste Auflage dieses Buches ging gerade in Druck) klonten zwei koreanische Forscher tatsächlich zum ersten Mal einen Menschen - und zwar genau wie in Blueprint eine dreißigjährige Frau! - mit der Dolly-Technik. Der Tabubruch allein war hier erneut das Ziel, denn die Mediziner vernichteten diese »Klony« im 32-Zell-Stadium.

Laut einer Umfrage Ende des 20. Jahrhunderts halten Experten das »reproduktive Klonen«, auch Fortpflanzungsklonen genannt, für »unvermeidlich« und »unaufhaltbar«. Wirklich gestritten wird höchstens noch über das Wann: Wird es in drei, fünf oder doch erst in zwanzig Jahren soweit sein?

Ich mache mir keine Illusionen: Menschen werden sich klonen lassen im Namen der Fortpflanzungsfreiheit. Und Forscher werden nicht nur Tiere klonen, sondern sich auch an Menschen wagen, weil sie das »absolute Menschenrecht, Nachkommen zu haben« über alles stellen, so wie der italienische Gynäkologe Severino Antinori. Im Jahr 2002 verkündete er, dass zehn Paare, bei denen die klassischen Verfahren der Reagenzglas-Befruchtung versagt hätten, bereit seien für den Klonnachwuchs. Als der Forscher gefragt wurde, ob eine unverwechselbare genetische Identität zu haben, denn kein Menschenrecht sei, entgegnete er: »Das ist jetzt sehr theoretisch.«

Zu theoretisch, zu schwierig, zu unrealistisch - seit längerem gewinnen solche Argumente gegen das reproduktive Klonen an Raum. Besonders die Frage »Sind Menschenklone überhaupt gesund oder ist ihre Produktion medizinisch zu riskant?« rückt immer stärker in den Mittelpunkt einer Debatte, die sich mehr und mehr auf die rein naturwissenschaftliche Ebene verlagert hat und immer pragmatischer wird. Doch würde die Klonmethode perfektioniert und sicherer, gäbe es keine medizinischen Grenzen mehr und ein Klonverbot verlöre jede Rechtfertigung. Was dann?

In dieser schwierigen Debatte lassen uns allgemeine Hinweise auf die Natürlichkeit und Menschenwürde, auf alte biologische Gesetze ein wenig hilflos zurück. Denn das Klonen von Menschen begründet ohne Zweifel »eine bisher unbekannte Art der interpersonalen Beziehung zwischen genetischem Vor- und Abbild«, schreibt der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas. »Soweit ich sehen kann, müsste das Klonen von Menschen jene Symmetriebedingungen im Verhältnis erwachsener Personen untereinander verletzen, auf der bisher die Idee der gegenseitigen Achtung gleicher Freiheiten beruht.« Anders formuliert: Der Klon zahlt für die Freiheit des Vorbildes, an dem er sich misst und gemessen wird, mit einem zu hohen Maß an Unfreiheit. Er ist eine Art Sklave, doch nicht einfach ein Sklave seiner Gene, sondern der Erwartungen der anderen, die von seiner Klonexistenz wissen, und des Kloners, der ihn allein für seine Interessen, etwa eine »Unsterblichkeit«, nutzen will.

Dolly und ihre vielen tierischen Nachfolger sind stumm und werden es immer bleiben. Ein Artikel über die ersten tierischen Klonversuche trug denn auch - in Anlehnung an einen bekannten Psychothriller - den passenden Titel »Das Schweigen der Lämmer«. Menschenklone dagegen könnten von sich und ihren Gefühlen sprechen - und genau das wagt Siri Sellin. In Blueprint erzählt sie von ihrem Klonwerden und Klon(bewusst)sein: Wie fühlt es sich an, nur eine Kopie zu sein? Das ganze innere Klon-Drama machte eine Schülerin nach einer Lesung aus Blueprint mit der Frage deutlich: Kann man auch die Seele klonen?

Ein weltweites Klonverbot für Menschen wird inzwischen gefordert, doch noch hat die UN keine entsprechende Resolution gegen das »Fortpflanzungsklonen« verabschiedet. Hier sind die europäischen Staaten weiter: Das »reproduktive Klonen« wird in der neuen EU-Charta der Grundrechte als Verstoß gegen die Menschenwürde geächtet.

»Bei der Definition der Menschenrechte werden wir in Zukunft darüber nachdenken müssen«, fordert der Autor und Philosoph Rüdiger Safranski, »ob der Mensch ein Recht darauf hat, geboren und nicht gemacht zu werden; ob er ein Recht hat, dass nur der Zufall, das Schicksal oder, sofern man daran glaubt, ein höhere Bestimmung, nicht aber eine planmäßige Herstellung, ihm seine angeborenen Eigenschaften geben darf.«

Brauchen wir bald ein menschliches Copyright?

Mein erstes Nachwort zu diesem Roman endete mit den Sätzen: Was persönliche und gesellschaftliche Moral im Fall des Klonens bedeutet, darüber muss weiter diskutiert werden. Und was Mut zur Moral bedeutet, darüber muss gerade auch im Einzelfall gestritten werden. Blueprint ist ein Buch zum Streiten.

Vier Jahre später und angesichts der rasanten wissenschaftlichen Entwicklung ist genau das nötiger denn je. Denn das ART-Zeitalter, in dem Menschenwürde und Individualität antastbar geworden sind, hat - auch ohne einen bereits lebenden Klon - längst begonnen.

Lübeck, im Juli 2003


 

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