| |
Der Autor
HÄNDL KLAUS
Geboren 1969 als Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Kindergärtnerin in Rum bei Innsbruck, lebt in Wien, Berlin und Port am Bielersee (Schweiz). Seine Theaterlaufbahn begann er als Schauspieler am Wiener Schauspielhaus und wirkte auch in verschiedenen Filmen von Jessica Hausner, Dagmar Knöpfel, Patricia Marchart, Christian Berger, Urs Egger, Michael Haneke, Wolfram Paulus, Douglas Wolfsperger u.a. mit. Sein erster Theatertext wurde unter seiner eigenen Regie beim steirischen herbst in Graz uraufgeführt.
Neben seiner Arbeit als Filmschauspieler schreibt er Drehbücher, Opernlibretti und führt Regie. Sein Hörspiel Kleine Vogelkunde (ORF) wurde als Hörspiel des Jahres 1996 ausgezeichnet. Für den Erzählband (Legenden) erhielt Händl Klaus den Rauriser Literaturpreis und den Robert-Walser-Preis. Außerdem bekam er das Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin sowie das Dramatikerstipendium des «Kulturkreises der deutschen Wirtschaft» 2004 in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen. Ebenfalls 2004 wurde (Wilde) Mann mit traurigen Augen mit dem Buchpreis der deutschsprachigen Literaturkommission des Kantons Bern ausgezeichnet, der 2006 auch an Dunkel lockende Welt verliehen wurde.
Preise und Auszeichnungen:
Robert Walser Preis 1995
Rauriser Literaturpreis 1995
Hörspiel des Jahres 1996
Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin 1963
Hermann Lenz-Stipendium 2002
Einladung zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen 2004 mit (WILDE) MANN MIT TRAURIGEN AUGEN
Einladung zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen 2006 mit "Dunkel lockende Welt" Nachwuchsautor des Jahres 2004 und 2006 in der Umfrage der Zeitschrift Theater Heute
Theaterstücke
"Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" UA steirischer herbst, Graz, 2001
(WILDE) MANN MIT TRAURIGEN AUGEN UA steirischer herbst, Graz /Staatsschauspiel, Hannover, 2003
"Dunkel lockende Welt" UA 2006, Münchner Kammerspiele
Andere Veröffentlichungen
1994 Legenden. 35 Prosastücke. Droschl Verlag Graz
1995 Satz Bäurin. Klagenfurter Texte. Piper Verlag
1996 Kleine Vogelkunde. Hörspiel. ORF
2000 recitativo. Literatur und Kritik
2002 Häftling von Mab. Opernlibretto; Musik: E. Demetz. Tiroler Landestheater
Kafka
Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.
Aus: Franz Kafka, Brief an den Vater, Frankfurt a.M. 2003
träume
Verfolgungsträume
Verfolgungsträume sind manchmal beängstigend und sie treten sehr häufig auf. Sie sollten auf keinen Fall zulassen, dass Sie diese Symbole bis in die wachen Stunden verfolgen. Das geht am besten, wenn Sie versuchen, aufzuklären, was sie darstellen. Zwei Dinge sollten Sie beachten: Wenn Sie verfolgt wurden, konnten Sie dann Ihren Verfolger abschütteln? Oder gelang es Ihnen, sich umzudrehen und ihm gegenüber zu treten? Welche Gestalt hatte Ihr Verfolger?
Wenn es sich um einen Wiederholungstraum handelte, sollten Sie aufschreiben, inwiefern sich der Traum von vorherigen unterschied und wie er sich entwickelte.
Es hat etwas zu bedeuten, wenn sich der Abstand zwischen Ihnen und Ihrem Verfolger vergrößert, es könnte sein, dass Sie sich von einem bestehenden Problem entfernen, dass es immer unwichtiger wird, vielleicht, weil Sie fest entschlossen sind, ihm zu entkommen oder es einfach nicht beachten wollen. Wenn dagegen Ihr Verfolger immer näher kommt, verstricken Sie sich darin immer fester, fürchten Sie, das Leben umzingele Sie so, dass sie unfähig sind, zu handeln. Solch ein Traum kann Sie ermutigen, stehen zu bleiben, um Ihrem Problem entgegen zu treten.
Fragen Sie sich, wer oder was Sie jagte, bedenken Sie bitte, dass es eine Person, ein Problem oder ein Element sein kann, vor dem Sie weglaufen. War Ihr Verfolger ein Tier , versuchen Sie herauszubekommen, was dieses Tier im Wachleben für Sie bedeutet. Lieben oder hassen Sie es? Oder haben Sie Angst davor? Erinnert es Sie an jemanden, den Sie kennen?
Es kann auch sein, dass der Verfolger einen Charakterzug Ihrer selbst darstellt. Dann müssen Sie entscheiden, ob Sie ihn ignorieren oder diese Schwäche überwinden wollen. Bösartige Tiere, die Sie verfolgen, werden als bösartige eigene Instinkte gedeutet, oder als etwas, wovon Sie sich nicht befreien können.
Wasser
Tiefste Gefühle und Erkenntnisse werden hinterfragt, wenn Ihre Träume den Symbolismus des Wassers benutzen. Träume von Meer beziehen sich sehr oft auf den Mutterleib, Sie sollten nachdenken, ob Sie vor Ihren Problemen nicht dadurch, das Sie sich in Selbsttäuschung flüchten, zu fliehen versuchen.
Träume von tiefen Seen, Teichen, oder Wasserfällen und Quellen haben eine individuelle Bedeutung, sie beziehen sich aber immer auf die Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, ob Sie voll im Fluss sind oder drohen, in übertriebener Begeisterung zu ertrinken.
Jeder Traum, in dem gestautes oder eingedämmtes Wasser eine Rolle spielt, kann ein Gefahrensignal sein. Es kann Ihnen raten, sich irgendwie zu befreien, Ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Eine ungedämmte Flut dagegen kann der Hinweis sein, sich besser zu beherrschen.
Wenn Sie schwammen, fiel es Ihnen leicht oder mussten Sie sich anstrengen? Bezieht sich das etwa auf Ihr Wachleben? Wenn Sie beim Schwimmen untergingen, sollten Sie den tiefsten Punkt Ihrer Probleme untersuchen und sich bewusst überlegen, wie Sie wieder an die Oberfläche kommen können. Auch die Temperatur des Wassers ist von Bedeutung. War es angenehm warm oder waren da gar Eisberge? Wenn letzteres der Fall ist, ist vielleicht Ihr Gefühlsleben zu kalt. Stürme über dem Wasser sprechen unmittelbar für inneren Stress. Ein Mangel an Wasser weist auf ein ausgetrocknetes Gefühlsleben oder geistige Dürre hin.
Oft scheint Wasser auf die eigene Phantasie Bezug zu haben und Träume, in denen dieses Element erscheint, laden ein, phantasievoller zu sein und schöpferische Ideen zu pflegen. Geistige Fähigkeiten und esoterische Interessen sind reif für die Entwicklung. Auch die persönliche Einstellung zu Wasser ist bedeutend.
Lieben Sie Wasser, sind Ihre Träume sicher anders, als die derjenigen, die es hassen und fürchten. Manchmal verkörpert das Wasser Ihre unentwickelten Seiten. Sie sehen in vielen Träumen von Wasser Ihr Spiegelbild. Es ist ein mächtiges Symbol des Unbewussten, es spiegelt das Selbst wider auf einer Oberfläche, die glatt oder bewegt, ruhig oder stürmisch sein kann. Wenn Sie davon träumten, durch einen Unterwassertunnel zu schwimmen und im Tageslicht wieder auftauchten, kann das als Geburtstraum gesehen werden. Es zeigt den Wunsch, wieder geboren, neu erschaffen zu werden - vielleicht körperlich - sollten Sie sich mehr bewegen oder gesünder leben? Vielleicht aber auch psychologisch.
Das Bild des Wassers als reinigendes Element darf auch nicht übersehen werden. Sich von etwas reinzuwaschen kann bedeuten, sich von etwas Unangenehmen zu befreien, etwa in der Einstellung zu anderen Menschen. Oder in Ihrem Verhalten allgemein?
So ein mächtiges Symbol ist nicht schwer zu deuten.
Ein Bad darin könnte zeigen, dass Sie sich im Wachleben auftun, um in bisher unbekannte Gebiete Ihres Lebens vorzudringen, so als schaffen Sie Ordnung, bevor Sie das Haus verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Träume vom Wasser haben sehr viel mit Neubeginn zu tun.
Sexualität im Traum
Entsetzt oder beschämt müssen Sie nicht reagieren, wenn Sie sexuelle Träume haben. Wenn Sie so reagieren, sind sie entsetzt über Ihre eigene Natur, denn Sie erschaffen Ihre Traumbilder ja selbst. Sexuelle Träume verraten oft, auf welche Weise Sie Ihrer Sexualität gerne Ausdruck verleihen würden. Wenn Ihre Träume Sie an Ihre tierische Natur erinnern, müssen Sie entscheiden, was Sie davon halten, ob Sie diese Natur positiver ausdrücken oder sie verändern, ihre Energie anderen Zwecken zuführen sollten. Träume von richtigem Geschlechtsverkehr sind verhältnismäßig selten; aber da Träume fast immer verschlüsselt sind und sich Analytiker der meisten Schulen einig sind, dass Sexualsymbole in Träumen häufig vorkommen, können Sie davon ausgehen, dass fast jedes Symbol Ihnen etwas über Sexualität erzählen könnte.
Sexuelle Bilder im Traum müssen nicht plump und deutlich, sonder können sehr schön sein. Prächtige Blumen , Pflanzen, weicher Samt, glatte Formen eines Gegenstandes, dies alles kann etwas über Sexualität aussagen. Selbst bei eindeutigen Symbolen befindet sich noch eine geistige Botschaft, da die sexuelle und die geistige Seite Ihrer Natur nicht völlig getrennt sind.
Bedenken Sie auch, dass ein Unterschied zwischen einem Gegenstand, der eindeutig einen Penis darstellt und einem "phallischen Symbol" besteht, denn der Phallus verkörpert in hohem Maße Fruchtbarkeit und die Macht der Schöpfung. Denken Sie einmal über die Träume Ihrer Vergangenheit nach; es wäre seltsam, wenn sich eine wirklich lebendige Traumerinnerung nicht auf Ihre Sexualität beziehen würde. Vielleicht war es wichtig für Ihre sexuelle Entwicklung -vergessen Sie nicht, dass diese nicht nur in der Pubertät stattfindet. Auf die ein oder andere Weise verändert und entwickelt sich Sexualität fort bis zum Tod.
Jeder wirklich wichtige Traum, der Ihnen deutlich aufgefallen ist, jedoch keinen Bezug auf irgendeine Situation Ihres Wachlebens zu haben scheint, sollte als möglicher sexueller Traum betrachtet werden. Betrachten Sie ihn jetzt einmal im Licht dieser Erläuterungen: Es besteht die Möglichkeit, dass er eine Entwicklung Ihrer sexuellen Persönlichkeit andeutet.
"Dunkle Männer"
Wenn Sie von erschreckenden Männern träumen, kann es sein, dass Sie sich in einer allzu angepassten, trägen oder resignierten Gemütsverfassung befinden. Die Psyche sorgt hier dafür, dass das Schreckensbild die nötige Aufruhr in Ihnen erzeugt, durch den die stagnierte Energie wieder in Fluß gerät. Ein Traum, wie der von einem Eindringling mit bösen Absichten zeigt, dass Sie sich scheuen, eine gravierende Entscheidung selbstständig zu treffen, Sie schrecken vor dem nächsten Schritt zurück, trauen sich nicht, dem Eindringling die Macht abzuringen, die Sie ihm zugestanden haben.
"Dunkler - Mann - Träume" können aber auch ein deutliches Alarmsignal sein, dass bestimmte Zustände in der Außenwelt oder im Zusammenleben dringend verändert werden müssen. Generell ist der Traum von "dunklen" Männern als Weck - oder Warnruf zu sehen, er kann stimulierendes Tonikum, das Ihnen Mut einflößen will, sein und durchaus weiteres Durchstehvermögen vermitteln. Erwähnenswert ist hier auch eine weitere Situation, in der Sie mit großer Wahrscheinlichkeit von finsteren Männern träumen: Der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, den Talenten in Ihnen. Destruktive Triebe wollen Ihnen das Feuer der Schaffenskraft stehlen. Solche Träume sind anstrengend, aber sie sind oft gut für die Kreativität. Sie zeigen, was passiert, wenn Talente brach liegen oder verkommen. Ein solcher Traum, nach dem Sie wahrscheinlich angstschwitzend aufwachen, reicht häufig schon, um Sie "wachzurütteln", und aus diesem Traum die nötige schöpferische Kraft zu gewinnen, sie umsetzen zu können.
Es geht darin um aufkeimende, zunehmende Bewusstheit, die so enorm wichtig für jeden ist, eine bewusstere Wahrnehmung der eigenen Schätze, ebenso wie eine bewusstere Wahrnehmung der dunklen Verliese und Beziehungen.
zit.n.: www.deutung.com
Ein Märchen vom "Mann mit traurigen Augen":
Das Tagewerk vor Sonnenaufgang
Es waren eine Schmiede und ein Schmied. Der Schmied aber war ein besonderer Schmied, denn sein Tagewerk lag vor Sonnenaufgang. Das ist ein sehr hartes Tagewerk. Man wird müde und traurig dabei. Man wird still und geduldig dabei. Es gehört viel Kraft dazu. Denn man lebt einsam und schmiedet in der Dämmerung.
Jetzt war es Nacht und der Schmied war nicht in seiner Schmiede. Der Feuergeist in der Esse schlief. Nur sein Atem glomm unter der Asche und streute dazwischen einen sprühenden Funken in die Finsternis. Aber der Funke erlosch bald. Nur ein schwacher Lichtschein blieb und hastete suchend und irrend durch das Dunkel der Schmiede.
Der Blasebalg ließ seinen großen Magen in lauter griesgrämigen Falten hängen. Er sah aus wie ein dicker Herr, der plötzlich abgemagert ist. Man hätte darüber lachen können, aber in der Schmiede war niemand, der zu lachen verstand.
Der Amboss drehte einen dicken Kopf mit der spitzen Schnauze langsam nach allen Seiten und sah sich das alte Eisen an, das heute geschmiedet werden sollte. Es war nicht viel. Nur einige Stücke. Sie lagen in einer Ecke und waren beschmutzt und verstaubt, wie Leute, die eine weite und beschwerliche Wanderung hinter sich haben.
Der Amboss ärgerte sich. "Was für ein hergelaufenes Gesindel hier zusammenkommt! Ein Glück, dass es zuerst in die Esse muss, ehe es mir auf den blanken Kopf gelegt wird. Es wäre sonst zu unappetitlich. Danke bestens; unsereiner ist sauber."
Der Amboss rümpfte verächtlich die große Schnauze und kehrte dem alten Eisen den Rücken zu. Der Amboss war ein Dickkopf. Er dachte nicht daran, dass er ja auch aus Eisen war und dass das alte Eisen, das so weit gewandert war, auch so blank werden würde, wenn es der Feuergeist erfassen und der Hammer schmieden würde. Er dachte, es gäbe bloß blankes Eisen und schmutziges und bestaubtes - von vornherein - und dabei blieb es. Er war eben ein Dickkopf und er wusste auch nicht, wie mühsam sein Meister dies alte Eisen gesammelt hatte, um es umzuschmieden in der Dämmerung.
Das alte Eisen fühlte sich sehr erleichtert, als der Amboss ihm den Rücken gekehrt hatte und es seine abweisenden Blicke nicht mehr fühlte. Es hatte sie deutlich gefühlt, trotzdem es so bestaubt und so beschmutzt war. Nun begann es, sich flüsternd zu unterhalten.
Es waren Stücke, die dem Alter nach sehr verschieden waren. Es waren ganz alte dabei, die eigentlich in die Raritätensammlung gehörten. Es waren auch ganz junge darunter, die nur wenige Jahre auf der Welt waren. Aber in ihrer Erscheinung waren sie sich alle ganz gleich.
"Sie sind so verrostet" ,sagte eine Kette teilnahmsvoll zu einem alten Schwert, "das ist eine sehr schlimme Krankheit. Sie fühlen sich gewiss nicht wohl?" Das Schwert seufzte Knarrend zwischen Griff und Klinge. "Es ist ein altes Leiden" ,sagte es, "ich habe es schon viele hundert Jahre. Es sind Blutflecke. Ich habe schreckliche Dinge gesehen auf meinem Lebensweg. Ich ging durch viele Hände. Einer schlug den andern mit mir. Einer nahm mich dem andern fort, um wieder andere zu erschlagen. Alles Blut und alle Tränen haben sich in mich hineingefressen. Ich habe wenig Ruhe gehabt. Ich bin in Blut gewatet und der, der das meiste Blut vergossen, läutete die Glocken mit denselben Händen und nannte das seinen Sieg."
"Ich bin nur wenige Jahre alt" ,sagte ein junger Säbel, "aber ich habe ganz dasselbe erlebt." - "Ich habe andere Siege gesehen" ,sagte ein alter rostiger Riegel. "Ich sah Menschen, die gesiegt hatten über sich und die Welt - mit ihren Gedanken. Ich verschloss die Türe, hinter der man sie einsperrte. Sie saßen und verkamen in ihrem Kerker. Aber ihre Gedanken gingen durch die Kerkertüre an mir vorbei und gingen hinaus in alle Straßen." - "Ich bin weit jünger als Sie" ,sagte ein anderer Riegel, "aber ich habe dasselbe tun müssen und habe dasselbe gesehen."
Der Feuergeist in der Esse atmete stärker und der erste Schein der Morgendämmerung zog über das alte Eisen. Es wurde sehr verlegen und bedrückt, denn nun traten die vielen Flecke noch deutlicher hervor, als im Licht des Feuergeistes, der in der engen Esse mühsam atmet. Das alte Eisen sah traurig auf seinen beschmutzten Körper und redete wirr und klagend durcheinander. "Ich habe eine Mörder halten müssen" ,jammerte die Kette, "es war in seiner letzten Nacht. Neben ihm saß ein Mann im Talar und hatte ein Buch in der Hand, auf dem ein goldenes Kreuz draufstand."
"Ich habe im Schlachthaus arbeiten müssen" ,sagte ein langes Messer. "Ich habe Tausenden von Geschöpfen ins entsetzte Auge gesehn, ehe es erlosch. Ich habe tausend Tierseelen umherirren gesehn in einem Hause voller Blut und Grauen. Dabei war ein Stück von mir früher eine Perle im Rosenkranz eines alten stillen Mannes. Es war in Indien und der alte stille Mann fegte den Weg vor sich mit schwachen Armen, um kein Geschöpf zu treten. Er nannte den Wurm seinen Bruder und bat für ihn um den Segen seiner Götter. Er sprach von der Kette der Dinge. Er zeichnete das Gebetsbild in den Sand und fingerte ergeben seinen Rosenkranz, wenn der Wind es verwehte. Die fremden Priester aus Europa höhnten den Glauben des alten Mannes."
"Wir haben jetzt Europa und seine Kultur" ,sagte der Säbel grimmig und schüttelte eine alberne goldene Troddel ab, die an ihm hing. "Wir müssen durch viele Formen wandeln" ,sagte das Messer, "das weiß ich von dem alten Mann in Indien. Nur weiß ich nicht, in welche wir kommen sollen."
"In diesen Formen können wir nicht bleiben!" ,riefen alle durcheinander. "Wir sind schmutzig und voller Flecken. Wir wollen umgeschmiedet werden. Wir wollen zum Feuergeist und um eine andere Form bitten. Aber wir wollen nicht warten, bis die Sonne aufgeht. Wir wollen nicht, dass die Sonne uns so findet. Dann bescheint sie unseren Schmutz und unsere Flecken. Aber der Schmied wird nicht so bald kommen. Er schläft gewiss noch."
Da flog ein Funke aus der Esse mitten in das alte Eisen hinein. "Der Schmied schläft nicht. Er wird gleich kommen" ,zischte der Funke, "es ist ein besonderer Schmied. Sein Tagewerk ist vor Sonnenaufgang. Dann erlosch der Funke.
Die Tür tat sich auf und der Schmied kam herein. Es war ein ernster stiller Mann mit traurigen Augen. Das kam von seinem Tagwerk. Er trat den Blasebalg, dass er alle seine Magenfalten aufklappte und ganz dick anschwoll. Der Feuergeist erwachte in der engen Esse und der Schmied hielt all das alte Eisen ins Feuer. Dann hob er es aus der Feuertaufe und legte es auf den Amboss.
"Was wird aus uns werden - welche Form - welche Form?" ,fragte das alte Eisen und das Messer dachte an den armen alten Mann in Indien.
Der Schmied schlug zu. Die Funken stoben. Er schmiedete nur eine Form, die letzte aller Formen. Er schmiedete die Seele des Eisens. Es war sein Tagewerk. Als es fertig war, stand eine glänzende Pflugschar auf der taufeuchten Erde vor der Schmiede.
in: Manfred Kyber, Tiergeschichten und Märchen, Reinbek 1999
| |
Virtuelles Programmheft
download Druckversion >
Schreiben Sie uns doch
Ihre Meinung >
zum Stück ! |