ENDSPIEL

von Samuel Beckett

Regie: Rüdiger Pape
Bühne und Kostüme: Ursula N. Müller
Premiere: 10. März 2007
Theater am Kornmarkt

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"Wenn wir Beckett wegen seines Pessimismus angreifen, dann sind wir Becketts Personen, die in eine Szene Becketts eingefangen sind. Wenn wir Becketts Aussage so hinnehmen, wie sie ist, dann ist plötzlich alles verwandelt. Es gibt schließlich schon ein ganz anderes Publikum, das Beckett-Publikum: diejenigen in jedem Lande, die keine intellektuellen Schranken aufrichten und nicht allzu sehr versuchen, die Botschaft zu analysieren. Dieses Publikum lacht und schreit auf - und feiert zuletzt mit Beckett; sein Publikum verlässt seine Stücke, seine düsteren Stücke, gelabt und bereichert, mit leichterem Herzen und voller seltsamer irrationaler Freude. Dichtung, Noblesse, Schönheit, Magie - plötzlich gibt es diese verdächtigen Worte wieder am Theater." (Peter Brook)

"Ich will Poesie in das Drama bringen, eine Poesie, die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet ... Ich konnte nicht die Antworten geben, die man erhofft hat. Es gibt keine Patentlösungen." (Samuel Beckett)

„Becketts Stücke haben die Eigenart von Panzerwagen und Idioten - man kann sie beschießen, man kann sie mit Cremetorten bewerfen: sie setzen ihren Weg gelassen fort. Von anderen erstaunlichen Vorzügen abgesehen, sind sie immun gegen Kritiker. Beckett verärgert die Leute stets durch seine Ehrlichkeit. Er fabriziert Objekte. Er führt sie uns vor. Was er vorführt, ist furchtbar. Weil es furchtbar ist, ist es auch komisch. Er zeigt, es gibt keinen Ausweg, und das ist natürlich irritierend, weil es tatsächlich keinen Ausweg gibt. Unser fortgesetzter Wunsch nach Optimismus ist unsere schlimmste Ausflucht. Wenn wir Beckett als einen Pessimisten ablehnen, was sind wir dann anderes als echte Beckett-Figuren in einer Beckett-Szenerie?“ Peter Brook


Ernst Schröder: Ein Hammer und drei Nägel.
Erfahrungen eines Schauspielers mit dem Dramatiker Samuel Beckett als Regisseur
Wie „Feuer und Asche“ ist dies Spiel,“ sagte Beckett, während der Zuschauerraum eindunkelte zur Generalprobe. Beim „Frühstücksbier“ sei es ihm eingefallen. Hamm und Clov seien beide auf Stille und innere Betrachtung eingestellt, aber immer wieder stört einer den anderen. Immer der andere ist der Störenfried, dann lodert plötzlich etwas aus der Asche der Stille. (Aschenglut, erinnerte ich mich ist der Titel eines Hörspiels von Beckett). „Sie können jetzt machen, was Sie wollen, der Text gehört Ihnen, der Aufbau stimmt.“ Ich konnte nicht machen, was ich wollte – abgesehen davon, dass ich das nicht vorhatte. Ich konnte nur das machen, was musikalisch richtig war.
Spekulative Interpretationsgelüste waren auf der ersten Probe im Keim erstickt worden, als Beckett auf unsere Fragen hin die Phonetik der Rollennamen bekannt gab. Wer Adorno oder Esslin gelesen hatte, wurde auf den Teppich zurückgeholt: Hamm ist die Abkürzung des deutschen Worts Hammer, Clov ist französisch clou, der Nagel, und daher nicht Clav auszusprechen, Nagg, Abkürzung des deutschen Nagel, Nell kommt von anglisch nail, der Nagel. Also ein Spiel für einen Hammer und drei Nägel? „Wenn Sie so wollen!“ Ein Spiel in jedem Fall, das sich nur auf der Bühne aufschließt und über das man außerhalb der Bühne gar nicht sprechen sollte. ...
Nun muss man sich nicht vorstellen, dass diese konzertante „Taktik“ ohne Ironie ausgeübt wurde, Ironie, die schlaglichtartig das Gelände des Stückes dann doch erleuchtete. Hierfür einige Beispiele. Der Pausenfanatiker Beckett bat den Darsteller des Clov, auf Hamms Frage „Hast du jemals einen glücklichen Moment gehabt?“ sofort mit „Nein“ zu antworten, denn dies wisse Clov ohne Überlegung. ... Hamm ist kein schlechter Verlierer, sagte mir Beckett. Wie der König im Schachspiel, der zuletzt nur wenige sinnlose Züge tun kann, spielt er sie fast ironisch distanziert durch, wissend um ihre Sinnlosigkeit zum Schluss. „Nein? Gut.“ Hamm entgeht der Sentimentalität und verhält sich beinahe heroisch.
Natürlich versuchte ich dem wortkargen Mann gelegentlich doch eine Äußerung über die Psychologie der Rolle zu entlocken. Ich sagte ihm schließlich, der Schauspieler auf der Probe erforsche nicht nur seine Rolle, er erforsche ja auch sich selbst unter der Lupe der Rolle. Und schließlich sei diese Lupe in unserem Falle besonders getrübt durch den Filter des Autors. Beckett bestätigte das lächelnd. Wir arbeiteten am vorletzten Monolog Hamms: „ Man weint und weint um nichts, um nicht zu lachen, und nach und nach wird man wirklich traurig. Alle, denen ich hätte helfen können. Helfen! Die ich hätte retten können. Retten! Sie krochen aus allen Ecken“. Ironie in das Wort „helfen“ erbittet Beckett; denn was hilft ein Kilo Getreide gegen die Hungersnot auf der Welt? Ich frage Beckett, ob der mächtige Hamm nicht doch ein schlechtes Gewissen habe. Pause. Er schaut mich an, ein verschmitztes Gesicht, ein wenig verwundert und ein ganz klein wenig glücklich, und er sagt leise: „Glauben Sie?“ Ich kenne keinen Autor und keinen Regisseur, der so geantwortet hätte. In diesem Moment aber begann „Hamm“ zu atmen, wie ein Mensch. Er war keine Rolle mehr, Hamm war ein Bekannter von Beckett und mir.

Zwei Fragen:
1. Als Endspiel vor zehn Jahren zum ersten Mal aufgeführt wurde, hinterließ das Stück bei einem großen Teil des Publikums das Gefühl der Ratlosigkeit. Man fand, dass den Zuschauern Rätsel aufgegeben würden, deren Lösung auch der Autor nicht wisse. Glauben Sie, dass Endspiel den Zuschauern Rätsel aufgibt?
2. Sind Sie der Meinung, dass der Autor eine Lösung der Rätsel parat haben muss?

Zwei Antworten von Samuel Beckett:
1. Endspiel will bloßes Spiel sein. Nichts weniger. Von Rätseln und Lösungen also kein Gedanke. Es gibt für solches ernstes Zeug Universitäten, Kirchen, Cafés du Commerce usw.
2. Der dieses Spieles nicht.

Samuel Beckett im Jahr 1967 anlässlich seiner Inszenierung von Endspiel in Berlin.


Kurzbiografie Samuel Beckett
1906 13. April: Samuel Beckett wird als zweiter Sohn des Ehepaars May und William Beckett geboren.
1911 Beckett wird eingeschult und fällt seinen Lehrern vor allem durch herausragende sportliche Leistungen auf.
1923 Nach dem Abitur Beginn eines Romanistikstudiums am Dubliner Trinity College. — Bekanntschaft mit dem unorthodoxen Professor Thomas B. Rudmose-Brown. — Verliebt sich in den Schwarm aller Studenten: Ethna MacCarthy. Die Liebe bleibt unerwidert.
1926 Becketts erster Besuch seiner späteren Wahlheimat Frankreich: Fahrradtour entlang der Loire.
1927 Bildungsreise nach Venedig und Florenz. Abschluss des Studiums als Jahrgangsbester. — Beginn einer Liebesgeschichte mit seiner Cousine Peggy Sinclair (Tochter von Cissie und William (Boss) Sinclair, einem liberalen Kunsthändlerehepaar, das in Kassel lebt).
1928 Zwei Semester als Lehrer an einem Gymnasium in Belfast. — Ab Herbst: Zwei Jahre lang Englischlektor an der Ecole Normale Supérieure in Paris. — Bekanntschaft mit James Joyce und Entdeckung des Pariser Künstlerlebens. Lange nächtliche Barbesuche. Unterrichtet seinen einzigen Schüler daher erst nachmittags.
1929-1930 Erste Publikationen: eine Kurzgeschichte, ein Aufsatz über Joyce sowie Übersetzungen in der englischsprachigen Zeitschrift transition. — Gewinnt mit Whoroscope (1930) einen Lyrikwettbewerb. — Beginnt eine Monographie über Marcel Proust. — Rückkehr nach Dublin ans Trinity College. Arbeit als Assistent von Thomas B. Rudmose-Brown. Schwierigkeiten mit der Umstellung auf das Leben in Dublin. — Ein Lichtblick: die Bekanntschaft mit dem Maler Jack B. Yeats.
1931 Psychosomatische Erkrankungen (Herzrasen, Niedergeschlagenheit, Mattigkeit). Entschließt sich, die akademische Laufbahn aufzugeben. — Veröffentlichung seiner Proust-Studie. — Besucht über Weihnachten seine Verwandtschaft in Kassel. Die Liebe zu Peggy ist abgeflaut.
1932 Kündigt von Deutschland aus seine Stelle am Trinity College. — Reist nach Paris und schreibt seinen ersten Roman Traum von mehr bis minder schönen Frauen (1992). — Rückkehr nach Dublin.
1933 Tod Peggy Sinclairs und kurz darauf seines Vaters. —Abschluss der Erzählungen für den Sammelband Mehr Prügel als Flügel (1934).
1935 Beginnt seinen zweiten Roman, Murphy. — Rückkehr nach Dublin.
1936 Fertigstellung von Murphy (1938). — Sechsmonatige Deutschlandreise (bis April 1937). Beckett besucht Museen, Galerien und nimmt Kontakt zu zeitgenössischen Künstlern und Kunstwissenschaftlern auf Er beobachtet die Veränderungen durch das nationalsozialistische Regime und kommentiert diese scharf
1937 Umzug nach Paris. — Bekanntschaft mit den Malern Bram und Geer van Velde sowie mit Peggy Guggenheim.
1938 Er wird durch einen Messerstich schwer verletzt. — Erneuerung der Freundschaft zu seiner späteren Lebensgefährtin, der Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil.
1939 Nach der Kriegserklärung Deutschlands bricht Beckett einen Familienbesuch in Irland ab und kehrt nach Frankreich zurück.
1940 Während der Besatzung von Paris arbeiten er und Suzanne für eine Widerstandsgruppe der Résistance.
1942 Zahlreiche Mitglieder ihrer Gruppe werden verhaftet. Beckett und Suzanne entkommen nach Roussillon ins unbesetzte Südfrankreich. — Bekanntschaft mit dem Maler Henri Hayden.
1943-1944 Landarbeit und Arbeit am Roman Watt (1953).
1945 Rückkehr nach Paris. — Nach einem Familienbesuch in Dublin arbeitet Beckett als Dolmetscher und Lagerverwalter für ein Zivil-Lazarett des Irischen Roten Kreuzes in der Normandie.
1946 Rückkehr nach Paris. Beginnt konsequent auf Französisch zu schreiben. — Freundschaft mit dem Verleger und Kunstpublizisten Georges Duthuit. — Schreibt den Roman Mercier und Camier (1970) sowie vier Novellen und Kunstkritiken.
1947 Schreibt das Theaterstück Eleuthéria (1995), beginnt mit dem Roman Molloy (1951).
1948/49 Beendet Molloy und schreibt die Romane Malone stirbt (1951) und Der Namenlose (1953) sowie das Theaterstück Warten auf Godot (1952, Uraufführung 1953).
1950 Kurze Prosastücke Texte um Nichts (1955). — Tod der Mutter.
1954 Tod des Bruders.
1955 Beginnt das Theaterstück Endspiel (1957).
1956 Beendet Endspiel. — Schreibt sein erstes Hörspiel Alle die da fallen (gesendet 1957) und die Pantomime Acte sans Paroles I.
1958 Schreibt das Theaterstück Das letzte Band.
1959 Schreibt das Hörspiel Aschenglut (1959, Prix Italia) sowie das kurze Prosastück Das Bild. Beginnt mit Acte sans Paroles II (1960). — Erhält die Ehrendoktorwürde des Trinity College Dublin.
1960 Schreibt den Roman Wie es ist (1961).
1961 Internationaler Verleger-Preis (zusammen mit Jorge Luis Borges). — Beendet das Theaterstück Glückliche Tage. — Heirat mit Suzanne Descheveaux-Dumesnil.
1962 Schreibt das Hörspiel Words and Music sowie das Stück Spiel (1963).
1963 Das Hörspiel Cascando entsteht. — Beginnt das Drehbuch zu seinem Film (1964).
1964 Beendet Film und assistiert in New York bei den Dreharbeiten.
1965 Schreibt das Theaterstück Come and Go (1966). — Uraufführung von Film in Venedig (in der Folge zahlreiche Preise). — Beginn der Arbeit am Fernsehspiel He, Joe. — Berät den Regisseur Deryk Mendel bei dessen Regie von Warten auf Godot an der Werkstatt des Berliner Schiller Theaters.
1966 Produktion von He, Joe beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart, Beckett führt Regie. — Schreibt das Prosastück Der Verwaiser (1970).
1967 Inszeniert Endspiel an der Werkstart des Berliner Schiller Theaters.
1969 Erhält den Nobelpreis für Literatur.
1970 Erste Augenoperation am grauen Star. — Beendet den Prosatext Der Verwaiser.
1971 Zweite Augenoperation am grauen Star. — Inszeniert Glückliche Tage in Berlin.
1972 Schreibt das Theaterstück Nicht Ich.
1975 Nicht Ich wird als Fernsehversion konzipiert (gesendet 1977). Beckett schreibt das Fernsehstück Geistertrio.
1976 Schreibt das Fernsehstück ... nur noch Gewölk ...‚ das er 1977 zusammen mit Geistertrio beim SDR inszeniert.
1977 Bei John Calder in London erscheint der Band Collected Poems in English and French.
1980 Schreibt den Prosatext Schlecht gesehen schlecht gesagt (1981) und das Theaterstück Rockaby (1982).
1981 Entstehung des Fernsehstücks Quadrat I and II, das Beckett im selben Jahr beim SDR inszeniert. — Schreibt das Theaterstück Ohio Impromptu. — Beginn der Arbeit am Prosatext Aufs Schlimmste zu (1983).
1982 Anlässlich einer Solidaritätsveranstaltung für den inhaftierten Schriftsteller Václav Havel schreibt Beckett das Stück Katastrophe. — Entstehung des Fernsehfilms Nacht und Träume.
1983 Uraufführung von Nacht und Träume beim SDR. —Schreibt das Theaterstück Was wo.
1986 Inszeniert die Fernsehversion von Was wo beim SDR und schreibt seinen letzten Prosatext Immer noch nicht mehr (1984-1988).
1988 Becketts letztes Gedicht Comment dire (Wie soll man sagen; 1989) entsteht.
1989 Übersetzt die englische Fassung von Immer noch nicht mehr ins Französische. — Überträgt das Gedicht Comment dire als What is the Word ins Englische. — Juli: Becketts Frau Suzanne stirbt. — Beckett stirbt am 22. Dezember.


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