BLACKBIRD
von David Harrower

Regie: Lothar Maninger
Bühne und Kostüme: Valerie Lutz

Premiere: 30. September 2006
Theater auf der Probebühne

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  DAVID HARROWER

David Harrower, 1966 in Edinburgh geboren, lebt in Glasgow. Er studierte Anglistik, Ame¬rikanistik und Kunst, arbeitete als Tellerwäscher und setzte sich gegen die Stationierung englischer Nuklear-U-Boote in Schottland ein. Bekannt wurde er mit seinem ersten Stück „Messer in Hennen“, das von Theater heute als bestes ausländisches Stück des Jahres 1998 ausgezeichnet wurde. „Blackbird“ ist sein jüngstes Stück, 2005 wurde es beim Edinburgh International Festival in der Regie von Peter Stein uraufgeführt. Die Deutschsprachige Erstaufführung war im November 2005 an der Schaubühne in Berlin.

BLACKBIRD

Blackbird singing in the dead of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise
Blackbird singing in the dead of night
Take these sunken eyes and learn to see
All your life
You were only waiting for this moment to be free.

Blackbird fly, Blackbird fly
Into the light of a dark black night.

Blackbird fly, Blackbird fly
Into the light of a dark black night.

Blackbird singing in the dead of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise
You were only waiting for this moment to arise
You were only waiting for this moment to arise

THE BEATLES, 1968

 

LOLITA

Hier möchte ich folgenden Gedanken vortragen. Zwischen den Altersgrenzen von neun und vierzehn gibt es Mädchen, die gewissen behexten, doppelt oder vielmal so alten Wanderern ihre wahre Natur enthüllen; sie ist nicht menschlich, sondern nymphisch (das heißt dämonisch); und ich schlage vor, diese auserwählten Geschöpfe als „Nymphchen zu bezeichnen.
Man wird bemerken, dass ich Raumbegriffe durch Zeitbegriffe ersetzen. Ich möchte nämlich, dass der Leser „neun“ und „vierzehn“ als Grenzen – spiegelnder Strand und rötliche Felsen – einer verzauberten Insel sieht, auf der diese meine Nymphchen ihr Wesen treiben, umgeben von einem weiten, dunstigen Meer. Sind innerhalb der angegebenen Altersgrenzen alle Mädchenkinder Nymphen? Natürlich nicht. Sonst hätten wir, die Eingeweihten, wir einsamen Wanderer, wir Nympholeptiker längst schon den Verstand verloren. Das hübsche Äußere ist ebenfalls kein Kriterium, und Vulgarität, oder was man in gewissen Kreisen darunter versteht, beeinträchtigt bestimmte geheimnisvolle Merkmale auch nicht unbedingt: die Koboldgrazie, den ungreifbaren, verschmitzten, seelenzerrüttenden, heimtückischen Zauber, die das Nymphchen von seinen Altersgenossinnen unterscheidet, welche unvergleichlich stärker in der Raumwelt synchroner Erscheinungen zu Hause sind als auf der unfassbaren Insel entrückter Zeit, wo Lolita mit ihresgleichen spielt. Innerhalb derselben Altersgrenzen ist die Anzahl echter Nymphchen auffallend gering gegenüber den voraussichtlich unansehnlichen oder nu „ganz netten“ oder „herzigen“ oder sogar „süßen“ und „entzückenden“ gewöhnlichen dicklichen, formlosen, kalthäutigen, durch und durch menschlichen kleinen Mädchen mit Bäuchen und Zöpfen, die sich vielleicht – oder auch nicht – dereinst als große Schönheiten entpuppen werden (man denke an die Pummel in schwarzen Strümpfen und weißen Hüten, die sich in atemberaubende Leinwandstars verwandeln),. Ein normaler Mann, dem man ein Gruppenbild von Schulmädchen oder Pfadfinderinnen mit der Aufforderung zeigt, er solle die Reizvollste aussuchen, wird nicht unbedingt das Nymphchen unter ihnen wählen. Man muss ein Künstler sein, und ein Wahnsinniger obendrein, dein Spielball unendlicher Melancholie, dem ein Bläschen heißen Gifts in den Lenden kocht und eine Flamme schärfster Wollust unablässig in der elastischen Wirbelsäule lodert ( ach wie sehr man sich zu ducken und zu verkriechen hat), um an unbeschreibbaren Anzeichen – die leichtgeschwundene Raubtierkontur eines Backenknochens, den Flaum an schlanken Gliedern und andere Merkmale, die aufzuzählen mir Verzweiflung, Scham und Tränen der Zärtlichkeit verbieten – sofort den tödlichen kleinen Dämon unter den normalen Kindern zu erkennen...
Da steht sie, von ihnen unerkannt du ihrer mythischen Macht selber nicht bewusst.
Aus: Vladimir Nabokov: Lolita. 1955

VERSTEHEN, DASS ES NICHT DEINE SCHULD WAR

Oft glauben Opfer, sie seien schuld daran, dass sie sexuell missbraucht wurden. Viele erwachsene Überlebende glauben das immer noch, obwohl keine von ihnen jemals daran Schuld war. Es gibt viele Gründe für diese Selbstbeschuldigungen.
Einigen Überlebenden ist von dem Missbraucher ausdrücklich gesagt worden, sie seien selbst schuld: D“Du bist ein böses Mädchen, schlecht, schmutzig. Darum tu ich das.“ „In Wirklichkeit willst du, dass das passiert. Ich weiß es genau.“ „Mein kleines Mädchen ist so sexy. Ich kann einfach nicht anders.“
Du wurdest bestraft, wenn es herauskam. Wenn du etwas erzählt hast, wurde dir vielleicht gesagt, du würdest lügen und dir furchtbare Dinge ausdenken. Oder es wurde nie wieder ein Wort darüber verloren, und du hast das so verstanden, dass es zu schrecklich sei, um darüber zu sprechen. ...

Viele Überlebende schämen sich ganz besonders, wenn sie beachtet und geliebt werden wollten und sich deshalb nicht gegen sexuelle Annährungsversuche gewehrt haben. Oder wenn sie diese Aufmerksamkeit gesucht haben. Vielleicht war diese Nähe schön für dich. Vielleicht hast du den Mann angebetet, der dich missbraucht hat. Vielleicht war es wunderbar, Opas Liebling zu sein: „ Ich war es, die zu ihm hinging, damit er mir den Rücken rubbelte“ oder „Ich ging immer wieder hin“ oder „Ich kletterte zu ihm ins Bett“.
Aber du warst nicht im Unrecht. Jedes Kind braucht Aufmerksamkeit. Jedes Kind braucht Liebe. Das sind Grundbedürfnisse. Und wenn beides nicht in gesunder, kindgerechter Form angeboten wird, nehmen Kinder, was sie eben kriegen können.
Manche Frauen haben während des Missbrauchs nur Schmerz und Taubheit empfunden, andere auch sinnliches oder sexuelles Vergnügen, Erregung oder einen Orgasmus. Selbst wenn du den Missbrauch als verwirrend, erschreckend oder furchtbar erlebt hast, hattest du vielleicht auch irgendwie angenehme Gefühle. Für viele Frauen ist dieser Aspekt der schwierigste. ... Du musst wissen, dass deine sexuellen Reaktionen auf den Missbrauch durchaus natürlich waren. Auch wenn dir diese Gefühle gefallen haben, heißt das immer noch nicht, dass du irgendwie verantwortlich warst. (...)
Es ist unfair von Kindern zu erwarten, dass sie sich selbst verteidigen können. Kinder probieren vieles aus. Sie probieren Grenzen aus. Sie probieren Höhen aus. Das gehört dazu. Durch dieses Ausprobieren lernen sie die Welt kennen. Und es ist immer Aufgabe und in der Verantwortlichkeit der Erwachsenen Kindern mit Rücksicht und Respekt zu begegnen. ... Egel, in welchem Alter oder unter welchen Umständen, es gibt keine Entschuldigung für sexuellen Missbrauch. Es liegt ausschließlich in der Verantwortung der Erwachsenen, mit Kindern keinen sexuellen Kontakt zu unterhalten.
Aus: Ellen Bass/ Laura Davies: Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen


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