Österreichische Erstaufführung
KOPFTOT
Gerhild Steinbuch
Regie: Renate Aichinger

Probebühne


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Die Autorin

Gerhild Steinbuch, 1983 in Mödling geboren, studiert Szenisches Schreiben und Rechtswissenschaft in Graz. 2003 wird Gerhild Steinbuch mit dem Retzhofer Literaturpreis ausgezeichnet und gewinnt im gleichen Jahr den Stückewettbewerb der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz mit kopftot, das 2004 im Rahmen des Festival Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne gelesen wird (UA: 23.06.2006 Staatstheater Mainz, Regie: Julie Pfleiderer; DK E: 27.01.2007 Kopenhagen CaféTeatret, Regie: Søren Glad).
Für die Arbeit an ihrem zweiten Stück, Nach dem glücklichen Tag, das vom Hessischen Rundfunk auch als Hörspiel produziert wird, erhält Gerhild Steinbuch im Mai 2004 von der Abteilung Kultur und Wissenschaft des Landes Niederösterreich ein Aufenthaltsstipendium in Slowenien. Ebenfalls 2004 nimmt sie an der Summer School des Royal Court Theatre in London sowie an den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters teil und erhält das Literaturstipendium der Stadt Graz. 2005 folgt das Stipendium für Nachwuchsautorinnen der Hermann-Lenz-Stiftung und sie wird für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Sie erhält den Reinhard-Priessnitz-Preis des österreichischen Bundeskanzleramts sowie den Literaturförderungspreis der Stadt Graz. Das Dramatikerinnenstipendium der Kunstsektion des österreichischen Bundeskanzleramts und den Literaturförderungspreis der Zeitschrift manuskripte erhält die Autorin im Jahr darauf.
Ebenfalls 2006 erlebt ihr drittes Stück Schlafengehn in Essen seine Erstaufführung. Ihr neuestes Stück Verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft wird im Oktober beim „steirischen herbst“ in einer Inszenierung von Roger Vontobel uraufgeführt. Seit Herbst 2007 ist sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart und wird für die kommenden Spielzeit 2008/09 Hausautorin am Wiener Burgtheater sein.

Lebensrettungsphantasien
Gerhild Steinbuch im Gespräch mit Hans-Christoph Zimmermann

Hans-Christoph Zimmermann (H-C. Zi.): In ihrem Stück schlafengehn führen Sie eine Gruppe von Menschen vor, die sich begehren, doch weder mit- noch ohne einander auskommen. Wonach sehnen sie sich?
Gerhild Steinbuch (G. St.): Nach einer Geborgenheit, einem Gefühl, das aber in seiner Enge eine Utopie ist, die es ihnen unmöglich macht, sich aufeinander einzulassen.
H-C. Zi.: Ist die Familie eine Art verlorenes Paradies?
G. St.: Das wäre schön. Aber ich glaube eigentlich, dass Familie ein Konstrukt ist, auf das man gerne projiziert. Entweder man färbt eigene Erinnerungen schön und sagt „früher hab ich mich noch gut aufgehoben gefühlt“, oder man denkt an die vielen Geschichten und Märchen, in denen Geschwister, Familien oder „Freunde, die sich wie Geschwister lieben“ gegen das Böse bestehen, und kriegt dasselbe Gefühl.
H-C. Zi.: In schlafengehn erzählen die Figuren sich oder anderen Märchen und Geschichten. Sind das vor allem Fluchtmomente oder haben die Märchen/Geschichten noch eine andere Funktion?
G. St.: Anna [in schlafengehn, Anmerk. d. Red.] benutzt das Märchen auch, um Dinge zu artikulieren, die sie sonst nicht sagen könnte. Die Märchen sind auch mehr als bloße Fluchtmomente, haben etwas Beschwörendes, ein bisschen wie ein Mantra.
H-C. Zi.: in ihrem ersten Stück kopftot sagt der Vater, er sei sich nicht sicher, „ob ich noch in mir Platz hab überhaupt, als Mensch neben dem ganzen andren Zeug“. Fühlen sich ihre Figuren durch die Realität bedroht?
G. St.: Am ehesten sehen sie wohl sich selbst als Bedrohung. Irgendwie geht ihnen das Ich-Gefühl ab. In schlafengehn und kopftot habe ich auch darüber geschrieben, wie man Dinge sehen will und was man dann sieht, und da hat die Alltagsrealität keinen großen Platz.
H-C. Zi.: Eine Figur in schlafengehn sagt: „ich will nicht, dass da außer uns noch jemand ist“. Sind die Erwachsenen in ihrem ausschließlichen Liebesanspruch letztlich infantiler als die Jugendlichen?
G. St.: Ja – sie haben sich in ihre Utopien von geborgener Zweisamkeit verrannt, so dass sie jeden wegbeißen, der sich dazwischen drängen will.
H-C. Zi.: In ihrem Text Ins Wasser schlachten sprechen Sie von den „alten Geschichten. Die verstecken sich untertags... davon die letzte um die Liebe, die nie gelingen will“. Sind Geschichten von der Liebe immer zum Scheitern verurteilt?
G. St.: Zumindest glaube ich nicht an glückliche Enden, ohne dass zumindest ein Beteiligter bis dahin Arme und Beine verloren hat.
Hans-Christoph Zimmermann

Die unsichtbaren Begleiter

In einer vorindustriellen, z.B. bäuerlichen Gesellschaftsform wurde, wie viele Dokumente und Aufzeichnungen zeigen, das so genannte „magische Welterleben“ nicht im Laufe der Kindheit von vielen anderen Deutungen der Welt abgelöst und verdrängt, sondern in den ganzen Lebenslauf mit hineingenommen.
Im magischen Welterleben verbindet sich die Wahrnehmung der äußeren Natur, von Himmel, Wolken, Wasser, Tieren, Wald, Gärten und Blumen mit „inneren“ Erlebnissen und seelischen Prozessen, in welchen die Natur beseelt und von Wesenheiten belebt erscheint, mit denen der Mensch kommunizieren kann. Die unsichtbaren Begleiter gehören dabei zur „inneren“ Welt, zu den Imaginationen und Bildentwürfen der Seele, die den Augen anderer Personen zumeist verborgen bleiben, aber von den jeweiligen Personen durchaus in das Erleben der „äußeren“ Welt übertragbar und integriert werden können.
In Märchen, Sagen, volkstümlichen Erzählungen und religiösen Biographien begegnen uns die unsichtbaren Begleiter in der Kindheit und auch im Erwachsenenalter immer wieder – zumeist als Wesen einer geistigen, einer jenseitigen Welt. Dabei sind die Phantasiegefährten nicht nur in der abendländischen Kultur bekannt, sondern sind ein transkulturelles Phänomen weltweit.
Sie werden als Erscheinungen in Menschengestalt – als Kinder wie auch als Erwachsene, als Zwerge und Engel – und auch in den unterschiedlichsten Tiergestalten wahrgenommen. Andere hören nur ihre Stimmen oder vernehmen ihre Botschaft im Traum oder in besonderen Zeichen der Natur.
Ihre Wahrnehmung erfolgt häufig (aber nicht immer) in Grenzsituationen, in Lebensetappen, die konfliktreich und krisenhaft sind, z.B. beim Übergang ins Erwachsenenalter. Die unsichtbaren Begleiter bringen zumeist eine besondere Botschaft, die auf weiterführende schicksalsträchtige Ereignisse sowie auch auf zukünftige Aufgaben im Leben und das Anklingen von inneren Berufungen hinweist.
Jutta Ströter-Bender

Psychologie und Geisteskrankheit

Der Mensch ist eine psychologisierbare Gattung erst geworden, seit sein Verhältnis zum Wahnsinn eine Psychologie ermöglicht hat, d.h. seit sein Verhältnis zum Wahnsinn äußerlich durch Ausschluss und Bestrafung und innerlich durch Einordnung in die Moral und durch Schuld definiert worden ist. Durch die Zuordnung des Wahnsinns zu diesen beiden fundamentalen Achsen hat der Mensch des beginnenden 19. Jahrhunderts einen Zugriff auf den Wahnsinn und durch ihn eine allgemeine Psychologie möglich gemacht.
Man spricht viel vom Wahnsinn in unserer Zeit, seinem Zusammenhang mit der Welt der Maschinen und dem Erlöschen direkter affektiver Beziehungen zwischen den Menschen. Dieser Zusammenhang ist zweifellos nicht falsch, und es ist kein Zufall, wenn die krankhafte Welt heute so oft die Gestalt einer Welt annimmt, in welcher die mechanistische Rationalität die kontinuierliche Spontaneität des affektiven Lebens ausschließt. Aber es wäre falsch zu behaupten, er sei schizophren, weil dies für ihn das einzige Mittel sei, dem Zwang seines wirklichen Universums zu entrinnen. Sondern wenn der Mensch dem, was in seine Sprache eingeht, fremd bleibt, wenn er an dem, was seine Tätigkeit hervorbringt, keine lebendige menschliche Bedeutung mehr erkennen kann, wenn die ökonomischen und sozialen Bestimmungen ihm Zwang antun, ohne dass er in dieser Welt sein Vaterland erkennen kann – dann lebt er in einer Kultur, die eine pathologische Form wie die Schizophrenie möglich macht; fremd in einer realen Welt, ist er auf eine „private“ Welt angewiesen, die durch keinerlei Objektivität mehr gewährleistet werden kann; dem Zwang dieser realen Welt dennoch unterworfen, erlebt er das Universum, in das er flüchtet, als ein Schicksal. Die gegenwärtige Welt macht die Schizophrenie möglich, nicht weil sie durch ihre Ereignisse unmenschlich und abstrakt wäre, sondern weil unsere Kultur diese Welt auf eine solche Weise liest, dass der Mensch selbst sich nicht mehr in ihr erkennen kann.
Michel Foucault

 

Ophelia verfallen

Als das Alte Museum im Juni die Ausstellung „Natur als Vision“ eröffnete, gab es nach wenigen Tagen kein Ausstellungsplakat von der im Wasser liegenden Ophelia mehr. Die liebeskranke Ophelia des englischen Malers John Everett Millais schien in Berlin allgegenwärtig, schmückte doch ihr Bild die ganze Stadt. Schon in vergangenen Jahrhunderten erlebte die Geliebte Hamlets verschiedene Wellen der Verehrung. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts motivierte die Selbstmörderin Ophelia Künstler zu unzähligen Darstellungen. Die Verehrung ging so weit, dass sich Frauen nach der Ophelia-Mode kleideten und Laubkränze ins Haar banden. (...)
Hamlets weibliche Gegenfigur bildete Ophelia, die der englische Dichter als eine dem Leichtsinn frönende Frau beschreibt, die für ihre Liebesglut und ihre Leichtfertigkeit mit dem Wahnsinn und dem sich anschließenden „schlammigen“ Tod bestraft werden musste. „Im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts war Ophelia ebenso wie Hamlet höchst populär, da sie genug Raum für Empathie ließ,“ so die Simone Kindler. Als eine femme fragile eignete sich Ophelia weit besser als Elektra und Medea als Spiegel eigener Gefühle und Sensibilitäten.
Dies zeigte sich auch daran, dass die französische Literatur der Figur der Ophelia mehr Platz einräumte, als Shakespeare ursprünglich vorgesehen hatte. Das Theater übernahm in Frankreich die Vermittlerrolle zwischen den literarischen Interpretationen und den Ophelia-Darstellungen in der Malerei. So war der französische Maler Eugene Delacroix derart von Ophelia-Aufführungen im Pariser Odeon beeindruckt, dass er der Tragischen einen Werkzyklus widmete und damit einen ersten Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit Ophelia einleitete. Delacroix heroisiert Ophelia, die sich sterbend mit der Natur vereint, indem er die unglücklich Liebende in der Darstellung der biblischen Gestalt der Maria Magdalena angleicht. Ophelias Wahnsinn ist nicht mehr die tragische Strafe für die Frau, die sich den gesellschaftlichen Normen nicht unterwirft, wie noch in der literarischen Vorlage bei Shakespeare. Simone Kindler erklärt den französischen Ophelia-Kult mit dem Wandel des gesellschaftlichen Selbstverständnisses der Frau. Indem Delacroix seine Ophelia so weit anderen Sterblichen entrückt, ermöglicht er dem Publikum Ophelias leidenschaftliche Einstellung als eine heldenhafte Tat zu bewundern.
In England wurde die Geschichte der Ophelia hingegen anders rezipiert: Schon zum Ende des 18. Jahrhunderts tauchte das Motiv in der englischen Malerei auf, aber der Umgang mit dem Wahnsinn ist hier ein anderer. So wählte beispielsweise auch der in England lebende schweizer Maler Johann Heinrich Füßli in seinen Zeichnungen zum „Tod der Ophelia“ (1770 -1780) einen äußerst dramatischen Augenblick. Seine Ophelia hält sich noch am Ast fest, während sie ins Wasser gleitet.
Füßli stellt Ophelia an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod dar und bringt damit auch das Unvermögen seiner Zeit zum Ausdruck mit dem Wahnsinn als Krankheit umzugehen. Auch in England beeinflusste das Theater die Malerei. Es ist bekannt, dass „Füßli große Bewunderung für Shakespeares Darstellung der menschlichen Natur in ihrer Leidenschaftlichkeit und komplexen Widersprüchlichkeit hegte“, erzählt Simone Kindler. Und fügt hinzu, „dass die bedeutende Rolle, die das Theater an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert spielt, gar nicht oft genug betont werden kann.“
Preschel, Nadine und Felicitas von Aretin

Paranoia erotica

Die Bezeichnung „Erotomanie“ ist bereits in der griechischen und römischen Literatur zu finden. Dieser Begriff diente einerseits zur Beschreibung „göttlicher Liebe“, andererseits zur Bezeichnung „unersättlicher sexueller Begierden“. Im 18. Jahrhundert vollzog sich ein Begriffswandel. Unter „Erotomanie“ wurde – wie auch heute noch – „wahnhafte Liebe“ verstanden. (...)
Der französische Psychiater Gatian de Clérambault beschrieb 1921 die „psychose passionelle“ anhand von Kasuistiken. Von ihm wurden erstmals Kriterien erstellt, wobei er als wichtigstes Kriterium einer Erotomanie den „Wahn, geliebt zu werden“ ansah. Er grenzte eine „Reinform“ oder „Monomanie“– das Clérambault-Syndrom im engeren Sinne – von einer „sekundären“ Erotomanie ab.
Die eindrucksvollste Beschreibung einer Monomanie ist von de Clérambault selbst. Es ist der Liebeswahn einer Französin zu dem englischen König GeorgV.: Eine in Frankreich lebende 53-jährige Frau war überzeugt, dass englische Seeleute und Touristen als Boten des Königs zu ihr kommen. Mehrmals reiste sie sogar nach England, um vor dem Buckingham Palast auszuharren und Mitteilungen des Königs zu empfangen. In illusionärer Verkennung interpretierte sie verschiedene Situationen und Ereignisse als Botschaften des Königs.
Allgemein ist für den Liebeswahn, die Paranoia erotica, charakteristisch, dass eine Wahngewissheit hinsichtlich der Gegenseitigkeit der Liebe besteht. Blicke und Gesten des Liebesobjektes und jegliche Informationen werden mit pathologischem Ichbezug im Sinne einer Wahnwahrnehmung umgedeutet und als Beweis für die Liebe gewertet. Der Liebeswahn ist eine idealisierte, romantische Liebe und beruht weniger auf sexueller Anziehung. Die geliebte Person ist gewöhnlich von höherem sozialen Status. Ziel ist es, mit dem wahnhaft Geliebten in Kontakt zu kommen (wie z.B. durch Telefonanrufe, Briefe, Geschenke, Besuche, Überwachen und Auflauern). Charakteristisch ist der meist plötzliche Beginn, besonders bei Frauen; zwar überwiegt das weibliche Geschlecht, bei forensischer Klientel jedoch das männliche.
P. Debbelt u. H.J. Assion

Die Müdigkeit, man selbst zu sein

Das von den Fesseln der Moral befreite Individuum, das sich selbst schafft und zum Übermenschlichen tendiert, ist unsere Realität. Aber anstatt die Kraft des Übermenschen auszustrahlen, ist es zerbrechlich, sein Dasein ist mangelhaft, es ist von seiner Souveränität erschöpft und beklagt sich darüber. Depression ist die Melancholie in einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind, es ist die Krankheit der Demokratie par excellence. In dieser Insicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Demokratie par excellence. In dieser Hinsicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Souveränität des Menschen, nicht dessen, der falsch handelt, sondern dessen, der gar nicht handeln kann.
Alain Ehrenberg

HAMLET (IV,7)

KÖNIGIN
Ein Leiden tritt dem andern auf die Fersen,
So schleunig folgen sie:
Laertes, Eure Schwester ist ertrunken.
LAERTES
Ertrunken sagt Ihr? Wo?
KÖNIGIN
Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen,
Die dreiste Schäfer derber wohl benennen,
Doch unsre Mädchen Toten-Mannes-Finger.
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit und trugen sie
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlammigen Tod.
LAERTES
Ach, ist sie denn ertrunken?
KÖNIGIN
Ertrunken, ertrunken.
William Shakespeare
dt. v. August Wilhelm v. Schlegel

 

 

OPHELIA
I.
Auf stiller, dunkler Flut, im Widerschein der Sterne,
geschmiegt in ihre Schleier, schwimmt Ophelia bleich,
sehr langsam, einer großen weißen Lilie gleich.
Jagdrufe hört man aus dem Wald verklingen ferne.

Schon mehr als tausend Jahre sind es,
daß sie, ein bleich Phantom, die schwarze Flut hinzieht,
und mehr als tausend Jahre flüstert schon sein Lied
ihr sanfter Wahnsinn in den Hauch des Abendwindes.

Die Lüfte küssen ihre Brüste sacht und bauschen
zu Blüten ihre Schleier, die das Wasser wiegt.
Es weint das Schilf, das sich auf ihre Schulter biegt.
Die Weiden über ihrer hohen Stirne rauschen.

Im Schlummer einer Erle weckt sie hin und wieder
Ein Nest, aus dem ein kleines Flügelflattern schlägt.
Die Wasserrosen seufzen, wenn sie sie bewegt.
Ein Weiheklang fällt von den goldnen Sternen nieder.

II.
Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön,
die du, ein Kind noch, starbst in Wassers tiefem Grunde:
weil dir von rauher Freiheit ihre leise Kunde
die Stürme gaben, die von Norwegs Gletschern wehn.

Weil fremd ein Föhn, der dir die Haare peitschte, kam
Und Wundermär in deinen Träumersinn getragen;
weil in dem Seufzerlaut der Bäume und im Klagen
der Nacht dein Herz die Stimme der Natur vernahm.

Weil wie ein ungeheures Röcheln deinen Sinn,
den süßen Kindersinn, des Meeres Schrei gebrochen;
weil schön und bleich ein Prinz, der nicht ein Wort gesprochen,
im Mai, ein armer Narr, dir saß zu deinen Knien.

Von Liebe träumtest du, von Freiheit, Seligkeit;
du gingst in ihnen auf wie leichter Schnee im Feuer.
Dein Wort erwürgten deiner Träume Ungeheuer.
Dein blaues Auge löschte die Unendlichkeit.

III.
Nun sagt der Dichter, daß im Schoß der Nacht du bleich
die Blumen, die du pflücktest, suchst, in deine Schleier
gehüllt, dahinziehst auf dem dunklen, stillen Weiher,
im Schein der Sterne, einer großen Lilie gleich
Arthur Rimbaud,
dt. v. Karl Klammer

OPHELIA

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.

II

Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinden Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
Doch wo sie treibt, jagt weit der Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät.
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
Georg Heym

Wind, weiße Stimme
1. Fassung

Wind, weiße Stimme, die an des Schläfers Schläfe flüstert
In morschem Geäst hockt das Dunkle in seinem purpurnen Haar
Lange Abendglocke, versunken im Schlamm des Teichs
Und darüber neigen sich die gelben Blumen des Sommers.
Konzert von Hummeln und blauen Fliegen in Wildgras und Einsamkeit,
Wo mit rührenden Schritten ehdem Ophelia ging
Sanftes Gehaben des Wahnsinns. Ängstlich wogt das Grün im Rohr
Und die gelben Blätter der Wasserrosen, zerfällt ein Aas in heißen Nesseln
Erwachend umflattern den Schläfer kindliche Sonnenblumen.

Septemberabend, oder die dunklen Rufe der Hirten,
Geruch von Thymian. Glühendes Eisen sprüht in der Schmiede
Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthene Locke der Magd
Hasch<t> nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern.
Zu gelber Mauer erstarrt der Schrei des Rebhuhns verrostet in faulender
Jauche ein Pflug
Leise rinnt roter Wein, die sanfte Guitarre im Wirtshaus.
O Tod! Der kranken Seele verfallener Bogen Schweigen und Kindheit.
Leise rinnt roter Wein, die sanfte Guitarre im Wirtshaus.

Aufflattern mit irren Gesichtern die Fledermäuse
Georg Trakl

SCHÖNE JUGEND

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!
Gottfried Benn

VOM ERTRUNKENEN MÄDCHEN

Als sie ertrunken war und hinunterschwamm
von den Bächen in die größeren Flüsse
schien der Opal des Himmels sehr wundersam
als ob er die Leiche begütigen müsse.
Tang und Algen hielten sich an ihr ein,
sodass sie langsam viel schwerer ward.
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein,
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.
Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
und hielt nachts mit den Sternen das Licht in Schwebe.
Aber früh ward er hell, dass es auch
noch für sie Morgen und Abend gebe.
Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war
geschah es (sehr langsam), dass Gott sie allmählich vergaß.
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.
Bertolt Brecht

Literaturangaben:

P. Debbelt u. H.J. Assion: Paranoia erotica (de-Clérambault-Syndrom) bei affektiver Störung. In: Der Nervenartzt. Hg.v. Prof. Henning Saß u.a. Heidelberg, Springer-Verlag November 2001.

Ehrenberg, Alain: Die Müdigkeit, man selbst zu sein. In: Kapitalismus und Depression. Hg. V. Carl Hegemann. Alexander-Verlag, Berlin 2000.

Foucault, Michel: Psychologie und Geisteskrankheit. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1968.

Preschel, Nadine und Felicitas von Aretin: Ophelia verfallen. www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2005/ts_20050205/ts_20050205_27.html

Ströter-Bender, Jutta: Die unsichtbaren Begleiter in Volksglauben, Märchen, Religion und Esoterik. In: Norbert Neuß (Hg.): Phantasiegefährten. München, Beltz 2001.

Zimmermann, Hans-Christoph: im Gespräch mit Gerhild Steinbuch, Theater der Zeit, September 2006


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